Der Fall mit der Speikobra

In seinem Berufsleben hat Hauptkommissar Karl Gaach die sonderbarsten Dinge mitbekommen. Für unsere Sommer-Serie berichtet er von einigen dieser Episoden. Bild: Hartl

Gelassenheit. Diese Tugend ist selten geworden. Dabei brauchen sie gerade Polizisten. Etwa bei der Frage: Wie räumt man eine Wohnung voll Gifttiere? Karl Gaach erzählt aus seinem Dienstalltag.

Vor ein paar Minuten war ein Mann unten beim Empfang der Polizeiinspektion. Weil es ihm offenbar zu lange dauerte, bis er an die Reihe kam, "hat er nach einer Warte-Cola gefragt", erzählt Günther Burkhard, "rotzfrech!" Er und sein Kollege Karl Gaach kennen das. Die beiden Hauptkommissare, die für die Weidener Inspektion die Öffentlichkeitsarbeit machen, wüssten noch x andere, weit drastischere Beispiele, die alle zeigten: "Die Bevölkerung hat nicht mehr so einen Respekt vor der Polizei." Dabei gehe es ja überhaupt nicht um Angst, sagt Gaach. Mitunter fehle es aber schon am Grundlegendsten im Umgang.

Höflich und bestimmt

Was also macht angesichts dessen einen guten Polizisten aus? Das sei einiges, erklärt Burkhard. Kommunikationsstark, ruhig, besonnen, geduldig - all das müsse man sein. "Aber auch, wenn's notwendig ist, das Wort ergreifen und höflich, aber bestimmt sprechen." Klingt schon gut. Nur: Manchmal hilft das wenig, wenn das Gegenüber nicht nur respektlos auf Uniformen reagiert, sondern auch noch bekannt dafür ist, auf verbale Belehrungen mit Gift-Spucken zu reagieren.

Gaach hat in seinen gut 40 Jahren bei der Polizei viel erlebt. Da war der Autobesitzer, der Stein und Bein schwor, dass sein Gefährt von selbst gestartet und losgefahren ist und einen Unfall gebaut hat, während er - mit dem Schlüssel in der Hosentasche - beim Schafkopfspielen in einem Wirtshaus saß (ein technischer Defekt, wie sich herausstellte, der zu einer großen Rückrufaktion führte). Da war die ältere Frau, die zur Starkbierzeit die Polizei rief, weil der betrunkene Zwei-Zentner-Gatte vor der Tür zum Schlafzimmer schlummerte und ihn die Beamten doch bitte, bitte ins Bett hieven sollten.

Und da war eben noch die Sache mit den Giftviechern. 1997, Freitagnachmittag. Gaach ist Funksprecher bei der Weidener Einsatzzentrale, als eine seltsame Meldung eingeht. Bei Nabburg hat jemand eine tote Klapperschlange gefunden. Vor ihrem Ableben soll sie noch zugebissen haben. "Man wusste aber nicht, wen oder was." Öha.

Wohnung voll Terrarien

Dafür weiß man aber einen Namen. Nämlich den des vermeintlichen Verkäufers der Schlange, wohnhaft im Kreis Tirschenreuth. Die Kollegen rücken an. Und tatsächlich, der Mann sagt, er habe zwar schon lange keine Tiere mehr, aber sie dürften sich ruhig mal in der Wohnung umschauen. Womit er wohl nicht rechnete: Sie nehmen das Angebot auch an. Und betreten eine andere Welt.

In den Räumen, die in einem mehrstöckigen Wohngebäude sind, hat der Mann fast die gesamte Einrichtung zu Terrarien umgebaut. "Er hat quasi in jedem Küchenschränkchen eins gehabt", erzählt Gaach. Darin: Leguane, Spinnen, Schildkröten und zahlreiche Schlangen. Jetzt wird es dann doch kompliziert.

Dabei ist noch schnell geklärt, was mit dem Mann geschieht. Die Polizisten nehmen ihn erst mal fest, zumal er ein paar Jahre vorher damit geprahlt haben soll, eine Schwarze Mamba in der Nähe eines Kindergartens ausgesetzt zu haben (eine Suche nach dem Tier verlief dann ohne Ergebnis). "Das eigentliche Problem bestand in erster Linie darin, dass es Freitagnachmittag war", sagt Gaach. Sprich, die zuständigen Ämter haben Feierabend.

Also stehen die Polizisten vor Glaskästen, in denen sich mal ganz deutlich eine Speikobra ringelt. In denen aber auch mal außer grünen Blättern gar nichts zu sehen ist. Einziger Hinweis: Ein Aufkleber mit lateinischen Worten. Und zwar denen für "Pfeilgiftfrosch". Ob's eine wahre Inhaltsbeschreibung ist, lässt sich so schnell nicht sagen. "Dass natürlich keiner in dieses Grünzeug reinlangt, um festzustellen, ob da kleine, bunte Fröschlein drin sitzen, ist auch verständlich", sagt Gaach. Kurz: Den Beamten stellt sich am Samstag die knifflige Aufgabe, die Tiere aus der Wohnung zu schaffen. Bei den ungiftigen Exemplaren ist es noch leicht - die Zoo-Abteilung eines Gartencenters in Weiden nimmt sie in Obhut. Aber was, bitteschön, macht man mit einer Wassermokassinotter?

Nur mit Arzt

Ein paar Kollegen hätten sich schließlich bereiterklärt, die Tiere zu fangen - "aber sie wollten einen Arzt mit einem entsprechenden Serum hinter sich wissen". Was schwer war. Denn - so ergaben Recherchen - die nächsten Gegengifte für nichteuropäische Schlangen lagerten in Stuttgart. Bei manchen der Tiere hätten es die Gebissenen aber wohl nicht einmal bis zum Auto auf der Straße unten geschafft. Die Polizisten klapperten also alle möglichen Schlangen-Experten der Oberpfalz ab, bis sie schließlich auf einen Reptilienhändler stießen, der dank langjähriger Erfahrung die Viecher einfing und bei sich unterbrachte.

Fall gelöst. Wobei - nicht ganz. Denn was die Klapperschlange in Nabburg vor ihrem Tod gebissen hat, Gaach weiß es bis heute nicht. Einen Vorteil hat das Ganze aber trotzdem: Beamte, die mit Kobras zu tun hatten, dürften sich von Cola-Wünschen kaum aus der Ruhe bringen lassen. Und so eine Gelassenheit soll's ja schließlich auch sein, was gute Polizisten ausmacht.

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Wer mit Menschen arbeitet, bekommt die kuriosesten Dinge mit. In unserer kurzen Sommer-Serie stellen wir Weidener aus den verschiedensten Branchen vor, die besondere Erlebnisse mit anderen Menschen aus ihrem Berufsleben berichten.
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