Der Herr der Asservate

Johann Hagler packt Kisten für das LKA. Waffen gehen nach München zur "Verwertung". Bilder: Steinbacher (2)
 
Zum Interview muss die Tür offen bleiben. Zu intensiv ist der Marihuana-Geruch.

Der erste Eindruck geht durch die Nase. Es riecht nach Marihuana wie im schlimmsten holländischen Coffeeshop. In den Asservatenkammern von Johann Hagler würde jeder Drogenspürhund verrückt spielen. Umzugskisten voller Tütchen mit gemahlenem Crystal, gelbe "Überraschungseier" mit Gras, ja sogar eine Flasche Haschisch-Likör lagert hier. Giftig grün.

Weiden. Johann Hagler ist seit 32 Jahren der "Herr der Asservate" der Staatsanwaltschaft Weiden. Durch seine Hände ging schon die Rolex von Klankermeier. Er dürfte der dienstälteste Asservatenverwalter in ganz Bayern sein. Als er in den 70ern anfing, sortierte er jährlich rund 200 Beweisstücke in die Regale. Ein Zimmer reichte. Jetzt sind es 1600 bis 1700 Sachen pro Jahr. Heute gehören zu Haglers Reich mehrere Kammern in verschiedenen Stockwerken der Justiz.

Polizei und Zoll geben bei ihm Beweismittel aller Art ab. Hagler beschriftet jedes Asservat ordentlich: Datum, Asservatennummer, Barcode. "Da ist genaues Arbeiten erforderlich, sonst kommt man in Teufels Küche." Kein Staatsanwalt muss fürchten, ein Beweismittel nicht mehr zu finden. Das EDV-System verrät, was wo abgelegt ist.

Bei Johann Hagler standen schon halbmetergroße Heiligenfiguren - Diebesgut aus tschechischen Kirchen. In der Ecke lehnt ein Teddybär mit einem Loch hinter der Nase. Darin steckte eine Mini-Spionagekamera - ein kriminelles Plüschtier quasi. Hier liegt ein wuchtiger Metallhebel vom Diebstahl beim Schäferhundeverein Spitalöd. Dort hängt eine karierte Hose, sichergestellt nach einem Unfall mit Todesfolge. Die Asservate bleiben in Haglers Kammern, bis die Verfahren abgeschlossen sind.

Kistenweise Waffen

Aktuell arbeitet der 63-Jährige den Stoppelfeld-Mord von 2012 ab: Allein dieser Fall umfasst hundert Einzelteile. Eine Jacke, die Armbrust, Watte-Abwischungen mit DNA-Spuren... Die Armbrust geht zur Verwertung an das Landeskriminalamt. Waffen wie Sportpistolen oder Jagdgewehre werden an Berechtigte verkauft. Verbotenes - wie Schlagringe, Butterflymesser oder Elektroschocker - wird vernichtet. Letzte Station: der Hochofen eines Stahlwerks. Alle paar Monate verschickt Hagler Kisten mit Waffen an das Landeskriminalamt. Die Metallbehälter sind während der Fahrt mit Schlössern gesichert. Hagler hat einen Schlüssel. Der LKA-Mann in München hat den zweiten.

Was passiert mit den Asservaten, wenn die Verfahren abgeschlossen sind? Besonders heiß sind die Besitzer auf ihre Handys. "Früher standen die Leute gleich auf der Matte, wenn's ums Geld ging. Heute stehen sie sofort da, wenn es um Handys geht." Je nach Staatsanwaltsbeschluss werden Mobiltelefone herausgegeben oder eingezogen.

Keine Alternative gibt es bei Drogen: Sie gehen samt und sonders in Flammen auf. Bis vor kurzem fuhr der Staatsanwalt persönlich mit zur Müllverbrennungsanlage nach Schwandorf. Auch Hagler hat schon zugesehen, wie der Greifer das "Gift" in den Feuerschlund warf. Neuerdings haben sich die Bestimmungen geändert: Crystal gilt als Gefahrgut. Die Staatsanwaltschaft musste sich die Genehmigung für "Gefahrguttransporte" einholen. Im Juni holte erstmals ein LKA-Beamter die Drogen zur Verbrennung ab. Seither hat sich schon wieder eine Umzugskiste voll Rauschmittel gesammelt. "Solche Mengen hatten wir nie." Hagler erinnert sich an Haschischplatten in den 80ern, Heroin und Kokain in den 90ern. Aber Crystal, das schlägt alles.

Sichergestelltes Geld wird an die Justizkasse eingezahlt, gegebenenfalls auch mit den Verfahrenskosten verrechnet. Diebesgut geht nach Abschluss an den rechtmäßigen Besitzer. Wertgegenstände, von denen der Eigentümer nicht bekannt ist, werden von Gerichtsvollziehern versteigert (www.justiz-auktion.de). Oder der rechtmäßige Besitzer, etwa die Hinterbliebenen, werden informiert.


Rolex von Klankermeier

Auch die Rolex von Klankermeier hat Hagler den Erben ausgehändigt. Der Mord an Weidens Nachtclubkönig ist eines von wenigen ungelösten Verbrechen der Nachkriegszeit. Haglers ältestes Asservat betrifft ebenfalls ein ungeklärtes Tötungsdelikt. 1946 war in der Grenzstation Mammersreuth bei Waldsassen ein Grenzer erschossen worden. Das Verbrechen wurde nie geklärt. Mord verjährt nicht. "Alles ist noch da", sagt Hagler: die Dienstwaffe des Zöllners, Stoff aus seinem Mantel und ein Stück Fußboden, wo Kugeln eingedrungen waren.

Zum Jahresende geht Johann Hagler, Vater von zwei Töchtern und inzwischen vierfacher Großvater, in den Ruhestand. 45 Jahre hat er dann gearbeitet. Hagler war eigentlich ausgebildeter Postbeamter, ehe er 1977 bei der Staatsanwaltschaft Weiden anfing. Die Arbeit lag ihm, und er erledigte sie gut. Geschäftsleiter Norbert Dietl macht regelmäßig Stichproben, ob nichts wegkommt. Per Zufallsprinzip werden Nummern ermittelt und die Asservate überprüft. Alle sechs Jahre kommt zudem die Generalstaatsanwaltschaft zur Revision. Und Johann Hagler kann mit Stolz sagen: "Es war immer alles da."
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