Der Poppberger Micha Hirschinger hat sich in seiner Doktorarbeit mit Problemen der Logistik in ...
Wie der Lastwagen den Elefanten überholt

Micha Hirschinger arbeitet jetzt als Unternehmensberater. Bild: Huber
Micha Hirschinger ist ein Erika-Giehrl-Stipendiat. Die sind nicht gerade so selten wie weiße Raben, aber doch eine rare Menschenart. Denn die Erika-Giehrl-Stiftung fördert nur "würdige und geeignete Studierende an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, die in Amberg oder im Landkreis Amberg-Sulzbach geboren sind". So formuliert es Hans Riepel, der sich an der Uni um die Verwaltung der Stipendien kümmert. Er weiß auch, warum es relativ wenige Stipendiaten gibt: Von dem Vermögen der Stiftung können jährlich nur zwei gefördert werden.

Aber zurück zu Micha Hirschinger. Vor drei Jahren haben wir den Poppberger in unserer Zeitung als neuen Erika-Giehrl-Stipendiaten vorgestellt. Inzwischen hat der 29-Jährige seine Doktorarbeit samt Promotionsverfahren abgeschlossen und arbeitet für eine Unternehmensberatung.

Die Doktorarbeit, die im Springer-Verlag erscheinen soll, hat Hirschinger in einer neuen Form angefertigt - als kumulierte Promotion. Das bedeutet, er musste vier Artikel dafür einreichen. Zwei davon erschienen in hochrangigen wissenschaftlichen Blättern. Dadurch hat die Arbeit auch keinen eigentlichen Titel, aber einen gemeinsamen Nenner schon: "Supply chain management and emerging markets", sagt Hirschinger. Das könnte man auch sehr wortreich ins Deutsche übersetzen, aber der Wirtschaftsingenieur erklärt lieber am Beispiel eines der Artikel, was er da - inklusive eines Forschungsaufenthalts in Indien - für "aufstrebende Märkte" untersucht hat.

Es ging darum, wie man sich dort eine Ökonomie des Teilens zunutze machen kann, um den Ärmsten zu helfen. "Die meisten Inder bringen ihre Ernte noch mit dem Elefanten oder dem Esel in die Stadt", erläutert Hirschinger. "Dadurch gehen 40 Prozent der Ernte verloren, weil der Transport so lange dauert." Die Idee war, dass ein Lastwagen, den ein Anbieter zur Verfügung stellt und den sich viele Bauern teilen, Abhilfe schaffen könnte. Doch musste man dafür beweisen, dass sich dieses Geschäftsmodell aus der westlichen Welt in ärmere Länder übertragen lässt. Und zwar nicht in der Form, für die der indische Autohersteller Tata schon Feldversuche laufen hat, nämlich mit Fahrer. "Unsere Idee war, dass die Leute den Lkw selber nehmen und damit fahren." Interviews mit 120 potenziellen Nutzern wiesen nach, dass dieses Modell, bei dem die Bauern nicht selbst in die Anschaffung eines Lastwagens investieren müssen, funktionieren würde.

Weil sich während der Zeit in Indien Tsunamis und Erdbeben in der Region ereigneten, hat sich Hirschinger überlegt, dass man die Lastwagen auch Hilfsorganisationen zur Verfügung stellen könnte, die für ihre Einsätze ansonsten ihre eigene Fahrzeugflotte ins Land schaffen. "Wenn die Hilfsorganisationen nur ihre Mitarbeiter dorthin bringen müssen, können sie viel schneller aktiv werden. Und man sagt ja immer, die ersten 24 Stunden nach einer Katastrophe sind die wichtigsten."

Hirschinger ist überzeugt, dass in diesem Modell des Teilens sehr viel Potenzial steckt. Der Artikel habe nachgewiesen, dass die Auslastung der Lkws hoch genug wäre, um für den Anbieter profitabel zu sein.

Der Wirtschaftsingenieur hat sein Promotionsstudium am Lehrstuhl für Logistik der Universität Erlangen-Nürnberg bei Prof. Dr. Evi Hartmann mit einer Gesamtnote von 1,0 abgeschlossen und arbeitet bereits seit Februar für die Unternehmensberatung AT Kearney. Angestellt ist er in München, wohnt aber in Nürnberg und arbeitet derzeit an einem Kundenprojekt in Mannheim.

"Im Prinzip stehe ich natürlich für eine europaweite Verwendung zur Verfügung", gibt er Einblick in die Gesetze der Branche. "Aber meiner Heimat werde ich immer verbunden bleiben." So komme er öfter mal zum Fußballschauen nach Amberg. Dass er wieder ins Amberg-Sulzbacher Land zieht, will er nicht ausschließen. "Aber davor möchte ich mir einen Traum erfüllen: noch mal zwei Jahre in einer wirklich großen Stadt leben und zwei Jahre im Ausland."
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