Der Schrecken vor der Haustür

Beklemmende Geschichten zwischen Propaganda und schrecklicher Realität erzählt die Ausstellung "NS-Gewaltherrschaft am Beispiel Weiden". Zur Eröffnung sprachen Stadtarchivarin Petra Vorsatz (von links) und Oberbürgermeister Kurt Seggewiß. Bild: Wilck

Es mag mehr als 70 Jahre her sein, es geschah dennoch in unmittelbarer Nähe: Eine Ausstellung von Stadtmuseum und Stadtarchiv lässt eine Ahnung aufkommen von den Schrecken der Nazi-Zeit in Weiden.

Der Mann wirbt um Vertrauen. Schließlich ist er in nobler Mission unterwegs. Er bitte "das deutsche Volk" um Unterstützung "in meinem Ringen um einen wahrhaften Frieden". Über dem Zitat noch ein Foto: Uniform, der rechte Arm erhoben. Adolf Hitler auf einem Werbeplakat aus den 1930ern. Im Stadtmuseum haben sie dem Plakat ein Foto auf der anderen Seite des Raumes gegenübergestellt. Es zeigt ganz ohne Worte, was die Nazis in Wahrheit unter Deutschen und Frieden verstanden: Zu sehen ist die Familie Hausmann am Weidener Bahnhof. Die vier werden am 3. April 1944 als letzte Juden der Stadt deportiert. Alle finden den Tod.

Schein und Horror

Es sind solche Kontraste - schöner Schein der Propaganda, realer Schrecken -, mit denen die Ausstellung "NS-Gewaltherrschaft am Beispiel Weiden" im Kulturzentrum Hans Bauer an vielen Stellen arbeitet. Das stellt auch Oberbürgermeister Kurt Seggewiß heraus, der die Schau am Sonntag eröffnet. "Besonders und unverwechselbar" sei die Ausstellung dadurch. Und nötig sowieso, auch 70 Jahre nach Kriegsende noch. Nicht nur, weil all das, was seither erreicht wurde, nur durch Erinnerung bewahrt werden könne. Sondern auch, weil viel Wissen über die Schrecken vor Ort verlorengegangen ist. Das jedenfalls habe ein älterer Bürger ihm gegenüber einmal beklagt, erzählt Seggewiß. Dieser Mann selbst, ein Zeitzeuge, hat nicht vergessen. Er habe die Gefangenen gehört, die die Gestapo damals folterte. Nahe des Postkellers. Die Schreie klangen dem Mann Jahrzehnte später noch immer im Kopf. Manches mag lange zurückliegen, es geschah dennoch vor der Haustür.

Tatsächlich ist es auch diese räumliche Nähe, die den Besucher am meisten mitnimmt. Wenn etwa eine Malerei eine junge Blondine vor den Umrissen der Weidener Kirchen zeigt und für den Bund Deutscher Mädl wirbt - und daneben ein Bericht steht über Zwangssterilisation im Dienste der "Rassenhygiene", ausgeführt im Weidener Krankenhaus. Deshalb machte die Recherche für die Ausstellung auch die Verantwortlichen betroffen, wie Stadtarchivarin Petra Vorsatz berichtet. Sie und Dr. Sebastian Schott durchforsteten dafür aber nicht nur Archive. Wichtig sei ihnen gewesen, neben Schriftstücken auch Gegenstände zu zeigen. Damit dürfte die Ausstellung auch für jüngere Besucher noch interessanter werden.

Bis 26. Februar geöffnet

Ohnehin lädt Vorsatz - neben der breiten Bevölkerung - insbesondere Schulen ein. Gelegenheiten dazu gibt es noch eine ganze Weile. Die Ausstellung ist noch bis 26. Februar geöffnet - und zwar wochentags von 9 bis 12 und von 14 bis 16.30 Uhr im Kulturzentrum Hans Bauer, Schulgasse 3a. Der Eintritt ist frei.
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