Deutsch-türkisches Comedy-Theater "Halber Apfel" klagt nicht an, sondern klärt auf - Gemischtes ...
Große Träume im Gepäck

Ali Ötztürk blättert im Familienalbum und zeigt Stefanie (Zweite von links) und seiner Familie, wie es damals war, als die ersten türkischen Gastarbeiter in Deutschland eintrafen. Bild: Kunz
Spaß beiseite. Ein Stück wie dieses, mehr als 50 Jahre nach Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei, ist das noch zeitgemäß? Wir denken ja. "Stefanie integriert die Öztürks", steht metaphorisch für die gegenseitige Einschätzung beider Gruppen, dass sich die Frage aufdrängen muss, wieso das so ist. Schließlich leben Ali Öztürk und seine Familie in der dritten Generation in Deutschland.

Tradition und Moderne

Der Vater, ein sperriger Typ mit fröhlichem Plauderton. Sohn Hakan und Tochter Zeynep sind im Internetzeitalter angekommen. Er studiert Physik, soll nach dem Willen des Vaters Bundeskanzler werden, wie Barack Obama zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde. Sie ist Streberin. Eine zweite Tochter, Fatma, etwas einfacher gestrickt, fügt sich den Traditionen und heiratet "standesgemäß" den Inhaber einer Döner-Bude. Gattin Halime hat erfolgreich Integrationskurse besucht, lebt aber das Rollenbild der türkischen Hausfrau, beugt sich den manchmal peinlichen Vorstellungsrunden des Gatten. Die finale Antwort aus dem Off: "Wir leben jetzt seit 50 Jahren im selben Land, aber wir kennen uns immer noch nicht. Wir arbeiten in derselben Firma, aber wir sprechen nicht miteinander. Wir wohnen im selben Haus und sind Nachbarn, aber wir besuchen uns nicht."

Das deutsch-türkische Comedy-Theater "Halber Apfel" will solche Gräben zuschütten, hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf humorvolle Weise Spannungen abzubauen und Vorurteile zu glätten. Das Gastspiel auf der "Kulturbühne Weiden" war eine Gemeinschaftsveranstaltung des türkischen Weidener Fußballclubs "Anadolspor" und des Bundesprogramms "Toleranz fördern - Kompetenz stärken".

Das gut aufgelegte Publikum war gemischt, bestand je zur Hälfte aus deutschen und türkischen Besuchern. In der Geschichte sieht sich das türkische Familienoberhaupt Ali Öztürk (Theaterleiter Murat Isboga) mit seinem Sohn Hakan ein Fußballspiel Deutschland - Türkei an, als eine deutsche Freundin von Alis Tochter die Familie besucht. Es kommt zur Wette. Ali tippt für die Türkei, Freundin Stefanie für Deutschland. Wer gewinnt, darf dem anderen seine Kultur und Sprache beibringen. Deutschland siegt und Stefanie zieht für eine Woche bei den Öztürks ein. Für Ali bedeutet das: Türkisch verboten. Ein spannendes Experiment beginnt. Stefanie lernt das ein oder andere Klischee kennen, spürt aber auch, dass Ali im Grunde seines Herzens eine moderne Auffassung zeigt. Bildung sei wichtig, betont er. Ohne Ausbildung kein Job, ohne Job kein Geld. Ali: "Wenn Kinder haben kein Geld, Kinder klauen Autoradio."

Harmloser Spaß

Die Komödie hat viele schräge Momente, erzeugt viele Lacher. Es bleibt beim harmlosen Spaß. Es soll nicht angeklagt, sondern aufgeklärt werden. Am Ende zeigen Schwarz-Weiß-Bilder die Ankunft der ersten Gastarbeitergeneration. "Sie kamen mit wenig Gepäck, aber mit großen Träumen." Stefanie ist die Integration von Ali gelungen. Isboga: "Jetzt habe ich ein zweites Land. Deutschland ist auch mein Land geworden und ich liebe es. Aber ich gelte als Ausländer, sowohl hier in Deutschland, als auch in meinem Heimatland."
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