Deutschland ist der Westen

Tschechiens Generalkonsul Milan Coupek (sitzend links) verriet seine persönliche Sicht des deutsch-tschechischen Verhältnisses. Moderator und Fragensteller war Studiendekan Professor Ralph Hartleben (sitzend rechts). Begrüßt hatten Prodekan Magnus Jäger (stehend rechts) und Vize-Präsidentin Christiane Hellbach (stehend links). Bild sbü

Wie erlebt ein tschechischer Diplomat Deutschland und Bayern? Das war die Ausgangsfrage am Vortragsabend der OTH. Es gab eine Antwort, aber am meisten diskutierten die Teilnehmer das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen. Und es gab Informationen über Tschechien, die in keinem Reiseführer stehen.

Deutschland und Tschechien sind Nachbarstaaten, doch das Verhältnis ist anders als zum Beispiel das zu Österreich. Um das deutsch-tschechische Verhältnis näher zu beleuchten, war Milan Coupek, Generalkonsul der Tschechischen Republik, zum Vortrag in die OTH gekommen. Sein Referat und die Diskussion trugen die Überschrift "Perspektivwechsel: Bayern aus der Sicht eines tschechischen Diplomaten".

Die Fragen stellte Professor Ralph Hartleben, Studiendekan der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen. Besonders diplomatisch waren nur einige Antworten, ansonsten sprach der Generalkonsul die Dinge direkt an. Zum Beispiel, dass die Vorurteile über die "bösen Deutschen bei der tschechischen Jugend weitgehend weg sind". Das Misstrauen verschwinde mit den Generationen, meinte Coupek. Seine Landsleute seien in Richtung Westen orientiert und weniger gen Osten. Das Interesse der Tschechen für die deutsche Sprache steige allmählich wieder.

Angst in der Bevölkerung

Zum Thema Flüchtlinge sagte Coupek: "Ich bewundere die Hilfsbereitschaft der Deutschen." In Tschechien gebe es generell Ablehnung gegen die Integration von Muslimen. Als Grund führte er die "Erlebnisse mit reichen Leuten aus arabischen Staaten" an. Die Angst in der Bevölkerung werde von der Regierung artikuliert.

Der Referent verwies auf "200 000 bis 300 000 Ukrainer, die in Tschechien leben". Nach der Wende seien die Tschechen begeistert gewesen für Europa. "Doch jetzt befürchten meine Landsleute immer mehr, man könnte die Identität verlieren." Dennoch stellte Coupek generell fest, "die Beziehungen zwischen Tschechien und Deutschland waren noch nie so gut wie aktuell". Und Bayern sei der drittwichtigste Handelspartner Tschechiens. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer gehe mit seinem Besuch in Prag 2010 in die Geschichte der bayerisch-tschechischen Beziehungen ein.

Gemeinsame Aktionen

Wichtige gemeinsame Aktionen sind für den Generalkonsul der Jugendaustausch, die Bekämpfung der Drogenkriminalität und die kulturelle Zusammenarbeit. Ausdrücklich würdigte er die gemeinsamen Veranstaltungen während des Kulturhauptstadt-Jahres in Pilsen und die bayerisch-tschechische Landesausstellung über Karl IV. im nächsten Jahr.

Auch die bayerische Vertretung in Prag und die Eröffnung der Fluglinie München-Brünn führte er an. Der Gast verriet einiges über seine Landsleute. "Die Krone ist sehr stark, vorerst haben die meisten keine Lust auf den Euro." Die Wirtschaft in Tschechien sei noch sehr stark profitorientiert. Für mehr Werte-Orientierung im Unternehmen brauche es noch Zeit. "Tschechien gehört zu den europäischen Ländern mit den wenigsten Gläubigen", sagte er. Und dass Tschechen ungern Vereinen oder Vereinigungen beiträten. Versäumnisse sieht Coupek beim Ausbau der Infrastruktur.

Mit dem Wunsch nach Politikern die Visionen haben wie Václav Havel beendete der Gast seinen Vortrag. Havel habe schon 1991 gefordert, "sich aus der Befangenheit partikularer Interessen zu befreien". Eingeladen hatte der Studiengang "Internationales Technologiemanagement" und das Zentrum für Sprachen Mittel- und Osteuropas.
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