Die Freiheit des Leberkäs'

Das mag dem ein oder anderen Bauern beim Landfrauentag nicht geschmeckt haben: Referent Prof. Dr. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg hat in seinem Vortrag über die Freiheit des Essens auch die vorgetäuschte Regionalität von Lebensmitteln angesprochen.

(esc) Die Aussage des Referenten "Leberkässemmel ist Freiheit" dürfte nicht nur Neustadts Landrat Andreas Meier beruhigt haben. Der gestand in der Diskussionsrunde mit Oberbürgermeister Kurt Seggewiß, Dr. Siegfried Kiener (Leiter des Amts für Landwirtschaft und Forsten) und Kreisbäuerin Johanna Fischer: "Ich bin ein Freund des warmen Leberkäs'." Die Lieblingsspeisen der anderen variierten da von "Spaghetti mit Hackfleischsoße" (Seggewiß), über "alles außer Tiefkühlkost" (Kiener) bis zu "Hauptsache regional" (Fischer).

Dass Leberkäse Freiheit bedeutet, begründete Hirschfelder in seinem Vortrag "Die Freiheit des Essens - Wer bestimmt, was uns schmeckt?" eben damit, dass "wir uns nichts diktieren lassen". Die Freiheit spiele bei der persönlichen Wahl des Essens eine Rolle. Aber: "Wir sind viel weniger frei, als wir denken."

Regionalität gleich Sicherheit

Bei der Durchsicht eines Supermarktprospektes ergeben sich drei Illusionen: Dinge sind frisch, Schlemmen ist Luxus und Genuss gibt's zum Nulltarif. "Würden wir in 25 Jahren auf das Prospekt sehen, würden wir etwas anderes sehen." Statt Fisch gebe es zum Beispiel demnach wegen Überfischung ein Schlemmerhuhn, Kakao wäre 2040 ein Luxusprodukt und somit Schokolade nicht mehr bezahlbar. "Werbung und Traditionsbilder generieren uns, was uns schmeckt."

Weiterhin spüre die Mehrzahl der Bevölkerung das Spannungsfeld zwischen Illusion und Wirklichkeit. Und das führe zu Unsicherheit. "Regionales hingegen verheißt Sicherheit. Bedeutet aber auch im Umkehrschluss wiederum Unsicherheit in Bezug auf andere Produkte." Bedeute also für den Kunden: "Wir haben keine Qualitäts-, sondern eine Vertrauenskrise."

"Wir leben in einer Wendezeit, weil die Leitperspektive fehlt. Wir leben in einem neuen Zeitalter. Und das ist global, digital und lebensstilorientiert." Und genau da würden wir Verbraucher uns noch nicht auskennen, "deswegen sind wir unsicher". Die Bewältigungsstrategie sei deshalb die Kombination aus Tradition und Regionalität. "Die Vergangenheit steht hoch im Kurs."

Die Freiheit und die Individualität des Geschmacks sind laut Hirschfelder in Deutschland am größten. "Und das ist aus der Not geboren." Aus der Kleinstaaterei sind in der Vergangenheit unterschiedliche Landwirtschaftssysteme entstanden. Sie seien verantwortlich für die Vielfalt des Nahrungssystems. Der Blick in die Zukunft sei ebenfalls reine Illusion. "Wir denken, wir können die Welt so erhalten, wenn wir nur regional einkaufen. Wenn wir aber in die Vergangenheit blicken, sehen wir, dass das nicht funktioniert." Eine Reihe von Trends sei zu beobachten: Die Anzahl der Single-Haushalte wächst, immer und überall ist Essen unterwegs möglich, regionale Produkte seien austauschbar. "Wir spielen mit dem Regionalen. Aber was ist eigentlich regional?" fragte Hirschfelder in den Raum.

"Mehr Singles kaufen mehr Fertigprodukte, das Traditionsbewusstsein wandelt sich, wir werden offener für neue Techniktrends", stellte er fest. So werde auch die Landwirtschaft in Zukunft hochtechnisiert sein. "Freiheit hat es in der Vergangenheit nie gegeben, Freiheit ist auch heute nur Illusion."
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