"Die guten Schleuser"

Nach 32 Verhandlungstagen geht am Weidener Landgericht der Prozess gegen fünf Schleuser aus Tschetschenien und Inguschetien dem Ende entgegen. Für heute wird das Urteil erwartet, das im Strafmaß keine Überraschungen birgt. Interessant wird allenfalls, ob Vorsitzender Richter Walter Leupold so politisch wird wie Staatsanwalt und Verteidiger in ihren Plädoyers am Dienstag. Streitfrage: Kriminelle oder Fluchthelfer?

(ca) Letzte Woche war es zu Verständigungen gekommen: Das Gericht stellte dabei Freiheitsstrafen zwischen 2,5 bis 4,5 Jahren in Aussicht. Im Gegenzug hatten die Verteidiger ihre Mandanten als geständig erklärt. Die Plädoyers bewegten sich am Dienstag in diesem Rahmen. Die Männer zwischen 28 und 49 Jahre kommen damit gut weg. Der Staatsanwalt hatte zu Beginn des Prozesses für drei Angeklagte noch sieben Jahre Haft im Blick. Bis zuletzt hatte das Gericht von den fünf Männern - vier Tschetschenen und einem Inguschen - kein Wort zu den Vorwürfen gehört. Dabei blieb es auch: Das "letzte Wort" nahm keiner in Anspruch.

Wortreicher und durchaus emotional fielen die Plädoyers aus. Staatsanwalt Christian Härtl bezeichnete die Geschleusten als "eindeutige Wirtschaftsflüchtlinge". Die Tschetschenen kamen über Polen, ein "zweifelsfrei sicherer Drittstaat". Noch dazu, wo zwei Angeklagte dort ihren Wohnsitz haben.

Härtl rekonstruierte das Netzwerk der fünf Angeklagten. Die Drähte glühten im Sommer 2013 heiß. "Es fanden tägliche Schleusungen statt und es hatten sich bereits feste Strukturen herausgebildet." Hunderte Telefonate zwischen Kunden, Fahrern, Organisatoren sind dokumentiert. In die ursprüngliche Anklage flossen 28 Schleusungen von 175 Menschen ein, beim Deal fiel ein Drittel weg.

Folter und Verschleppung

Als "die guten Schleuser" verteidigten die Anwälte in acht Plädoyers die Männer aus dem Kaukasus. Sie sahen die Angeklagten als Fluchthelfer, die ihren Landsleuten aus einem diktatorischen Regime halfen. "Das ist eigentlich lobenswert", sagte Anwalt Jörg Sodan. Der Weidener Anwalt Franz Schlama empfahl Zweiflern eine Arte-Fernsehproduktion ("Tschetschenien - Vergessen auf Befehl") und zitierte den Europarat, nach dem "in dem totalitären Staat Folter und Verschleppung" an der Tagesordnung sind.

Manche Angeklagten werden nach den heutigen Urteilen nicht mehr allzu lang zu sitzen haben. Die rund 18 Monate U-Haft werden angerechnet. Was dann kommt, ist für sie das bestimmende Thema: Der eine will so schnell wie möglich zur Familie nach Polen. Der andere hat eine Familie mit sieben Kindern in Berlin und will alles, nur nicht abgeschoben werden. Die Angehörigen des ältesten Angeklagten leben in Belgien.
Weitere Beiträge zu den Themen: Juli 2015 (8669)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.