Die Weltgeschichte am Kickertisch

Jaroslav Rudis war nicht dabei, als "Die Toten Hosen" 1987 in Pilsen für einen veritablen Krawall-Skandal sorgten und von der Staatsmacht festgesetzt und des Landes verwiesen wurden. Trotzdem spielen die Geschehnisse eine zentrale Rolle in seinem Roman "Das Ende des Punks in Helsinki".

Eine vogelwilde Mischung aus Sven Regeners "Herr Lehmann" und Rocko Schamonis "Dorfpunks" - so könnte man Jaroslav Rudis' ostdeutsch-tschechischen Roman "Das Ende des Punks in Helsinki" beschreiben - am Donnerstag las er in der Regionalbibliothek daraus vor.

"Ahoi, guten Abend", begrüßt Rudis seine Zuhörer. Undercut, Nerdbrille, die Haare im Gesicht. Statt Schlips und Kragen, Shirt und Lederjacke - der derzeit wohl bekannteste Literat, Drehbuchautor und Dramatiker Tschechiens sieht nicht annähernd aus wie ein dynamischer Erfolgstyp. Eher wie ein Hedonist und Künstler, der beim Bier im Wirtshaus sitzt, Menschen beobachtet und ihre Geschichten aufschreibt - was es wahrscheinlich ziemlich genau trifft.

Verhaftet wegen der Frisur

Zum Look passt auch der Titel seines literarischen Mitbringsels recht gut. Dennoch betont er: "Ich war nie Punk. Und ich war damals mit 15 auch nicht in Pilsen dabei", sagt er. Aber bewundert habe er die Typen schon, die sich da dem staatlichen Einheitsbild entzogen hätten, ohne die Folgen zu fürchten. "Damals konnte man in Tschechien verhaftet werden - nur wegen einer Frisur."

Ach ja: "Die Leute in meinem Buch waren nie in Helsinki. Sie machen sich zwar einmal auf den Weg, schaffen es aber nicht bis dorthin." Helsinki heißt nur die etwas heruntergekommene Bar in einer namenlosen, ostdeutschen Stadt. Hier gibt es Wodka, Soljanka und hinter der Theke steht einer der Helden des Buchs: Ole, der sich fragen muss: "Wenn man nicht ewig Punk sein kann, was kommt danach?"

Seine große Zeit hat er hinter sich, wenig ist übrig geblieben, nicht sein Schlag bei den Frauen und erst recht nicht der Erfolg mit seiner Band. Was ihm geblieben ist: Das Helsinki und sein Kumpel Frank. Als dann seine Bar auch noch geschlossen wird, begibt er sich auf eine Reise in die Zeit, als er und Frank noch Sid und Rotten waren - und als ostdeutsche Punktouristen in Pilsen das tschechische Punkermädel Nancy kennenlernen. Eine Liebesgeschichte, die im Umfeld des Skandalkonzertes der deutschen Band tragisch endet. Ein ostdeutsch-tschechischer Entwicklungsroman - wenn man so will.

Diese Gegenwarts- und Vergangenheitsebenen hat Rudis mit einem Sammelsurium an unglaublichen Typen ausgestattet, die mit viel Sprachwitz und teilweise brillanter Komik durch den Roman stolpern. Da ist beispielsweise Frank, der die Weltgeschichte in einem Kickertisch abbildet. Da steht Goethe neben Sid Vicious, Luther neben Buddha und Jesus trifft aus dem Mittelfeld, weil Nietzsche nicht aufpasst.

Leder und Löcher

Oder die Punks, die den tschechischen Sicherheitskräften am Rande der Mai-Parade erklären, dass sie die eigentliche Arbeiterklasse seien. Ihre Aufmachung mit Iro, vollgemalter Lederjacke und Löchern in den Hosen, also Ihr hässliches Äußeres, sei nur eine Kritik an der inneren Hässlichkeit der anderen. Und wenn man sich nicht wüsche und stinke, so sei das als Protest gegen den inneren Gestank der Menschen zu verstehen.

All diese Schurren und Schnipsel trägt Rudis mit einem dunkel-warmherzig-tschechischen Akzent vor, dass man die liebenswürdigen Loser einfach ins Herz schließen muss. Wie kommt der leidenschaftliche Straßenbahnfahrer eigentlich zu solchen Figuren, und deren abgefahrenen Geschichten? "In Tschechien schreiben wir Geschichten auf, die wir im Gasthaus hören." Seine Stammkneipe in Prag heißt übrigens "Zum Ausgeschossenen Auge". Prädikat empfehlenswert. Sagt Rudis. Nix wie hin.
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