Ein armer Teufel

Wenn es so weit ist, sieht der 53-Jährige schwarze Nebel. Messer schwirren durch den Raum. Er müsste nur zugreifen, um das zu tun, was ihm Stimmen befehlen: töten, um das Böse zu bekämpfen. "Teufel, fahre aus", schrie der Psychiatriepatient im Oktober 2014. Er packte auf dem Flur des Bezirkskrankenhauses Wöllershof eine 26-jährige Krankenschwester am Hals und würgte sie.

Weiden/Wöllershof. Zwei Wochen später ging er einem Patienten sowie einem Pfleger an die Gurgel: "Ich bringe euch um." Diese drei Vorfälle führten jetzt zu einem Verfahren wegen versuchten Totschlags. Die Anklagebank blieb leer. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Walter Leupold verhandelte in Abwesenheit des Beschuldigten. Er befindet sich in der Forensik Straubing, der "Geschlossensten der Geschlossenen".

Die Straubinger hatten von einer Vorführung in Weiden abgeraten. Zu gefährlich. Es seien Gewalttätigkeiten zu befürchten. Zudem sei für den Patienten schon ein fünfminütiges Gespräch eine Belastung, eine Verhandlung nicht zu verantworten. Und so saß Verteidiger Thomas Pompe ganz allein vor der fünfköpfigen Kammer und Oberstaatsanwalt Rainer Lehner. Richter Matthias Bauer hatte den Beschuldigten vor drei Wochen in Straubing vernommen. Genau acht Minuten. Der 53-Jährige machte keine Angaben.

Ein Leben in der Psychiatrie

Seit Anfang der 80er Jahre ist er fast nonstop geschlossen untergebracht. Seit seinem 17. Lebensjahr quälen ihn "böse Mächte", die ihn beauftragen, Menschen zu töten. 2013 gab es eine Anzeige wegen Bedrohung im "Haus König David" in Naila. Das BKH Wöllershof war die einzige Einrichtung, die ihn noch nahm. Sein Zustand habe sich verschlechtert, berichtet ein Pfleger aus Wöllershof. Er habe sich immer schwerer "auslenken" lassen. Aus verbalen wurden körperliche Angriffe.

Am Dienstag ging es vor Gericht im Sicherungsverfahren darum, ob der schuldunfähige Beschuldigte "gefährlich für die Allgemeinheit" ist. Dann müsste er nach dem "Mollath-Paragraph" 63 unbefristet in der Psychiatrie untergebracht werden. Anders als Mollath könnte man diesem Mann keinen größeren Gefallen tun. "Er fühlt sich sehr wohl und möchte dort bleiben", versicherte seine Ärztin. Er hat Angst vor sich selbst und vor dem, was er anderen antun könnte. "Er möchte nachts eingeschlossen im Isolierzimmer schlafen. Wenn er da abends reingeht, will er, dass der Schlüssel umgedreht wird."

Tatsächlich leidet der 53-Jährige extrem unter den Folgen seiner chronisch paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie. Er hat x-fach Suizidversuche hinter sich, auch in Straubing. Dort fügte er sich in der Hochsicherheitsabteilung mit einer Mutter aus dem Waschbecken-Syphon Wunden an der Brust zu. Inzwischen lebt er auf einer ruhigen 14-Betten-Station. Dort versuchte er, sich von Balkon und Treppe zu stürzen. "Er hat die Tendenz, ein Messer zu greifen, um sich das reinzurammen", beschrieb die Ärztin. "Man kann ihn nicht im Aufenthaltsraum zum Mittagessen setzen, weil die anderen ja ihre ganz normalen Messer haben."

Niemand kann ihm helfen. Der 53-Jährige habe jede erdenkliche Therapie, jedes Medikament in allen möglichen Konstellationen bekommen. 930 Seiten Krankenakte. "Man wird diese Krankheit nicht heilen können." Es besteht Einsicht, er schluckt seine Pillen freiwillig.

Auch am 6. November 2014 hatte er Tabletten gefordert, die allerdings nicht gleich wirkten. Per Notglocke rief er den Pfleger in das Isolationszimmer und stürzte sich auf ihn. Der Daumen lag schon an der Kehle, als es dem Mitarbeiter gelang, den rasenden Patienten wegzuschubsen. Dann zog er den Strick seines Personensicherungsgeräts und löste Alarm aus. Kollegen fixierten den Kranken. Einer Schwester (26), neu im Dienst, gelang das nicht. Sie wird am zweiten Verhandlungstag, 14. Juli, gehört.

Den dritten Angriff auf einen Patienten wehrte ein Pfleger (43) ab. Er erinnert sich lebhaft: "Die Birkenstock haben gepatscht, als er schweren Schrittes auf den Mitpatienten zuging." Den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Hände griffbereit ausgestreckt. Der 53-Jährige sei in einem "tranceähnlichen Zustand" gewesen. Ob er Angst hatte, wird der Pfleger gefragt. "Angst ist immer dabei".

Fortsetzung am 14. Juli

Das Gericht entscheidet am 14. Juli. Die Ärztin bat beinahe um den zuletzt öffentlich so gescholtenen "63er" für diesen Mann. Nur so könne er in Straubing bleiben, wo er "keine Sekunde ohne Kontrolle" sei. Ein Bezirkskrankenhaus könne das nicht leisten. "Unsere Krankenpfleger können nochmal besser mit so schwer psychotischen Patienten umgehen, die andere angreifen. Wir haben nur solche Menschen bei uns. Jeder ist auf der Hut." Anwalt Pompe will zumindest weg vom "Stigma der versuchten Tötung", hin zur Körperverletzung. "Mein Mandant betont, dass er niemanden töten wollte." Einziges "Highlight" in seinem Leben seien die Besuche seiner Eltern.
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