Eine letzte Männer-Domäne: die Rosswurst

Viele essen die Rosswurst ohne, andere mit einer Semmel. Egal wie, sie ist eine Besonderheit am Weidener Wochenmarkt. Bild: Hartl
Was wäre der Marktbummel ohne den Genuss einer Rosswurst? Diese Frage richtet sich eigentlich fast nur an Ehemänner, die ihre "besseren Hälften" wegen dieser kulinarischen Kostbarkeit ins Gedränge der plaudernden Warteschlangen begleiten. Das gilt für das ganze Jahr, besonders jedoch für die kalte Jahreszeit, wenn der "Böhmische" so richtig ins Gesicht beißt, während eine heiße Wurst erst die Hände und dann den Magen wärmt. Manche kaufen sich deshalb gleich noch eine.

Ein routinierter Längsschnitt - eines Fernseh-Chirurgen würdig -, etwas Senf hinein, äußerstenfalls ein hauchdünnes Blatt Papier zum Festhalten der Wurst - das genügt völlig. Denn eine Semmel oder ein Getränk würden doch nur vom eigentlichen Genuss ablenken. Wobei: Die Semmel-Esser gibt es natürlich auch. Und schon vor dem Bezahlen erfolgt oft der erste herzhafte Biss hinein ins Vergnügen.

Doch dann sucht sich der geübte Genießer einen guten Platz zum ungestörten Verzehr - ganz wie ein Greifvogel mit seiner Beute - etwa unter dem "Alten Eichamt"-Bogen oder unter einem Vordach eines Markt-Standes. Kluge Ehefrauen schauen schweigend zu, um den Genuss ihrer Männer nicht zu gefährden, oder aber sie erledigen während dieser Zeit einige Einkäufe allein.

Ein junger Mann beißt in die heiße, dampfende Wurst, während er mit dem Fuß einen Kinderwagen geschickt schaukelt. Sein Sprössling schaut erstaunt, wie sein Vater mit offenem Munde kaut - wegen der Luftkühlung für seinen Gaumen. Eine Frau fällt auf, wie sie allein ohne männliche Begleitung eine Rosswurst kauft. Doch rasch wird klar, dass sie die rotbraune Kostbarkeit nicht für sich erstanden hat, sondern für ihren Ehemann. Der wartet hungrig und ungeduldig neben seinem Auto im Halteverbot.

Je aufmerksamer man die Rosswurst-Liebhaber beobachtet, desto stärker wächst die Überzeugung, dass der Verzehr dieser Würste zu jeder Jahreszeit gesund sein muss. Keiner der Käufer ist übermäßig dick oder zu mager. Auf den Gesichtern liegt ein Ausdruck seliger Zufriedenheit, die allein schon gesundheitsfördernd wirken muss. Bedauerlich ist nur, dass das Vergnügen so rasch endet. Man denkt unwillkürlich an die Kindheit, als das Ketten-Karussell auch immer viel zu früh zum Stillstand kam.

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Mit diesem Beitrag setzen wir die kleine, unregelmäßige Serie mit Weidener Geschichten und Begebenheiten fort, wie sie unserem Mitarbeiter Peter Tamme (tap) bei seinen Streifzügen durch die Stadt so auffallen. Mal ein bisschen ernst, aber meist doch mit einem kleinen Augenzwinkern öffnet er den Blick für alltägliche Dinge, die wir alle doch eigentlich auch schon bemerkt haben.
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