Einer denkt und das Gerät lenkt

Unscheinbar kommt dieser technische Knaller daher: Eine löchrige Mütze, Kabel hängen heraus. Sie führen zu einem Kasten, der in jede Hosentasche passt. Unspektakulär. Und doch ist es eine Art Gedankenleser, den der Förderverein der Hochschule dem Bereich Medizintechnik spendiert.

Fast jeder kennt mindestens einen, der sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen hat, um ALS-Patienten zu helfen. ALS-Patienten sind Menschen, deren Muskulatur versagt. Sie können vollständig bewegungsunfähig werden, dabei aber geistig topfit sein. Statt für Eiskübel erwärmt sich Prof. Dr.-Ing. Peter Wiebe eher für hochmoderne Medizintechnik als Hilfsmittel.

Das Brain-Computer-Interface (BCI) ist so ein Hilfsmittel. Rund 10 000 Euro kostet dieses batteriebetriebene Gerät für die Hosentasche. Am Mittwoch übergibt es Rudolf Winter, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH), offiziell an das Labor "Medizinische Elektronik und Biosignale", das Prof. Wiebe leitet. Warum? "Weil wir uns freuen, den Studiengang Medizintechnik damit unterstützen zu können, was er gerade am nötigsten braucht."

Hilfe für Behinderte

10 000 Euro für eine löchrige Mütze, an der Kabelstränge baumeln und ein, zwei Kästchen in Handy-Größe, fragt sich der Laie. Prof. Wiebe weiß dagegen: "Das ist der Stand der Technik." Es hilft der Hochschule, den Studiengang Medizintechnik weiter auszubauen. Und es hilft Behinderten, die keine Muskelsteuerung mehr haben, beispielsweise ihren Rollstuhl zu steuern, Texte zu schreiben oder einfach nur Computer zu spielen - allein über Hirnströme.

Medizintechnik kann seit Sommer 2012 in Weiden studiert werden. Zum Wintersemester starten zehn in dem Bereich in den ersten Masterstudiengang, erklärt Prof. Dr. Franz Magerl. 49 machen ihren Bachelor in einem Studiengang, den OTH-Vizepräsident Prof. Dr. Reiner Anselstetter, als Leuchtturm bezeichnet. Er und Dr. Wolfgang Weber danken dem Förderverein für die großzügige Unterstützung: "10 000 Euro ist für einen gemeinnützigen Verein eine große Summe. Nun bilden wir an der Technik aus, die draußen verwendet wird. In der Folge haben unsere Absolventen hervorragende Berufschancen."

Und so funktioniert BCI zu deutsch "Gehirn-Computer-Schnittstelle": Sobald die Haube auf dem Kopf ist, werden an acht Messpunkten die elektrischen Hirnwellen erfasst und per Kabel an das Gerät in Hosentaschenformat geleitet. Dort werden die Mini-Hirnsignale verstärkt, digitalisiert, gefiltert und anschließend drahtlos (!) an einen Computer weitergeleitet. Der Computer verarbeitet die Hirnwellen je nach Anwendungszweck weiter. Entweder steuert er damit Programme und schreibt beispielsweise Buchstaben oder er steuert damit Geräte wie Rollstühle.

Das alles basiert darauf, dass Menschen ihre Hirnsignale willentlich steuern können. Wer daran denkt, den Fuß zu bewegen, muss das nicht automatisch tun. Der Gedanke daran kann aber allein schon eine Hirnwelle auslösen, die das BCI-System erfasst und zur Steuerung eines Gerätes umwandelt.

Zuerst Studentenversuche

Etwas Übung braucht es dafür schon. Master-Studenten können sich daran versuchen, wenn sie die Vorlesung "Brain Computer Interfaces" besuchen. Am Ende will Prof. Wiebe aber nicht nur das Wissen für die Prüfung vermittelt haben: "Es wäre toll, wenn man hiermit junge Menschen dazu motivieren könnte, mit Technik nicht nur Raketen zu bauen, sondern etwas Gutes zu tun."
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