Entsetzen nach Zugunglück

Theresa Sowa (Bild) und Julia Zimmermann, Sozialpädagoginnen im Jugendzentrum, saßen mit zehn Jugendlichen in dem verunglückten Zug. Sie kamen von einem Tagesausflug nach Nürnberg zurück. Archivbild: Hartl

Trümmer, Löschschaum und mittendrin der verkohlte Triebwagen, verkeilt mit den Resten des Militärlasters. Auch bei Tageslicht verliert der Unglücksort am Bahnübergang nahe Freihung nichts von seinem Schrecken. Zumal nun feststeht: 12 der verunglückten Fahrgäste gehörten einer Gruppe des Stadtjugendrings an.

Ein Mal im Jahr sagt der Stadtjugendring Danke für das Engagement des Theker-Teams. Das umfasst zehn Jugendliche, die täglich von 15 bis 21 Uhr die Bestellungen der Gäste im Jugendzentrum aufnehmen. Deshalb haben sich die jungen Weidener auch in Lebensmittelhygiene oder im professionellen Umgang mit pampigen Gästen ausbilden lassen. "Sie machen einen prima Job", lobt Stadtjugendpfleger Ewald Zenger. Ein gemeinsamer Ausflug pro Jahr ist der Lohn dafür. "Doch dieser Ausflug endete in einer Katastrophe. Es ist entsetzlich", sagt Zenger. Zwei Menschen starben. Unzählige verletzten sich. Auch fünf der zehn Jugendlichen des Theken-Teams. Sie mussten ins Krankenhaus.

Dabei begann alles besser als erhofft. Denn der Donnerstag, an dem die zehn Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren mit ihren Betreuerinnen, Julia Zimmermann und Theresa Sowa, durch die Nürnberger Innenstadt flanierten, geriet mit 18 Grad ungewöhnlich warm. Die Stimmung war gut. Um 20.55 Uhr nahmen die Ausflügler den Zug zurück nach Weiden. Die Fahrt endete tragisch am Bahnübergang bei Freihungsand.

Alle klettern übereinander

"Das müssen schreckliche Szenen nach dem Unglück gewesen sein", meint Zenger. So seien im Schock alle übereinander geklettert, um aus dem Zug zu kommen. Es gab viele Verletzte. "Fünf unserer Jugendlichen mussten in drei verschiedene Krankenhäuser eingeliefert werden." Sie kamen nach Regensburg, Nürnberg und Weiden. Vier konnten am Freitagmorgen wieder entlassen werden. Einer bleibt weiter zur Kontrolle in Regensburg. "Der junge Mann hat wohl mächtig Glück gehabt, weil er als durchtrainierter Sportler sehr widerstandsfähig war", weiß Zenger.

Abseits der körperlichen Blessuren verweist der Stadtjugendpfleger auf die psychische Belastung. "Da herrschte Angst und Hysterie. Das belastet die Seele. Die Kinder sind hochtraumatisiert." Und wie geht es den Betreuerinnen, zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen des Stadtjugendrings? "Sie haben noch gar keine Zeit gehabt, sich das zu fragen." Das Wohl der Jugendlichen, mit ihnen zu reden, sie in den Arm zu nehmen, mit ihnen und deren Angehörigen zu twittern und SMSen geht vor.

In Weiden kümmern sich Zenger und sein Team im Juz um besorgte Mitarbeiter und um die Benachrichtigung der Stadt. Der erste Entschluss fällt: Am Freitag und Samstag ist der Treffpunkt an der Frühlingstraße geschlossen. Anlaufpunkt soll er dennoch sein. Für Eltern und Kinder, die sich über das schreckliche Geschehen austauschen wollen. Das Gespräch begleiten wird Gerd Krones. Der Jugendlichenpsychotherapeut bot spontan Hilfe an.

Gemeinsam aufarbeiten

Und die scheint bitter nötig. So würden einige Jugendliche nun fürchten, ihre Eltern würden sie nach dem Schock nie mehr allein etwas unternehmen lassen. "Ein Schutzreflex, aber keine dauerhafte Lösung", äußert Zenger, selbst Vater, Verständnis. Ein anderer junger Mann sei völlig verstört gewesen, weil er am Unglücksort sein Handy verlor und deshalb den Eltern nicht gleich Bescheid geben konnte.

Die warteten ahnungslos am Bahnhof auf ihr Kind. Um 22.14 Uhr hätte der Zug dort einfahren sollen. In diesem Moment aber brannte der Triebwagen bereits lichterloh. "Nun werden wir alles tun, damit die Wunden nach diesem Unglück wieder heilen können", sagt der Stadtjugendpfleger. (Seiten 4 und 5)
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