Erst schnuppern, dann Vertrag

Asylbewerber Kazem (rechts) lernt jetzt schon alles aus dem ersten Lehrjahr des KFZ-Mechatronikers. Im Autohaus nutzt er die Möglichkeit einer Einstiegsqualifizierung, mit der sich Arbeitgeber und potenzielle Azubis kennenlernen sollen. In Kazems Fall läuft es sehr gut, sagt seine Chefin Ulla Roscher-Geuß. Bild sbü

Die Sache gibt es schon länger, doch durch den Zuzug unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge bekommt sie eine besondere Bedeutung: die Einstiegsqualifizierung. Dahinter steckt eine einfache Idee: Erst einmal sich kennenlernen und dann entscheiden. Wie gut das funktionieren kann zeigt der Fall eines Afghanen.

(sbü) "Einstiegsqualifizierung soll jungen Menschen Gelegenheit geben, berufliche Handlungsfähigkeit zu erlangen oder zu vertiefen." Das erklärt die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf ihren Internetseiten. Die Ausbildungsbetriebe, so die BA, sollen dabei über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten Bewerber im täglichen Arbeitsprozess beobachten können. Zielgruppen sind Jugendliche ohne Ausbildungsplatz nach dem 30. September, Lernbeeinträchtigte, sozial Benachteiligte und diejenigen, die "aktuell noch nicht in vollem Umfang für eine Ausbildung geeignet sind".

Ulla Roscher-Geuß, Geschäftsführerin des Autohauses Geuß, wurde vor einigen Monaten von Arbeitsvermittlerin Christiane Höfel-Stadtler auf eine solche Einstiegsqualifizierung für einen minderjährigen Asylbewerber angesprochen. Die Autohaus-Chefin war sofort begeistert, sah sie doch eine Chance für zusätzlichen Berufsnachwuchs. Kazem Nawruzi heißt der 17-jährige Afghane, den die Vermittlerin aus dem Arbeitgeberteam der Weidener Agentur vorgeschlagen hatte. Und: Die Begeisterung der Geschäftsführerin hält bis heute an.

"Wir haben bisher nur sehr gute Erfahrungen mit Kazem gemacht", sagt sie. Besonders lobt sie auch die Deutsch-Kenntnisse und hofft, dass "sein Engagement und seine Wertschätzung" ansteckend auf einheimische Auszubildende wirkt. Kazem gibt die Komplimente zurück: "Meine Chefin ist die Beste."

Es sieht also gut aus, dass nach der Einstiegsqualifizierung auch die reguläre Berufsausbildung folgt. Der junge Afghane ist seit 20 Monaten in Deutschland und ging ein Jahr lang in die Berufsvorbereitungsklasse an der Europa-Berufsschule. "In Afghanistan habe ich nie eine Schule besucht", erzählt er. Zusammen mit seiner Schwester sei er zuerst in den Iran geflohen. Allerdings wurden sie dort getrennt, so dass er alleine über die Türkei und über das Mittelmeer nach Italien kam. Mit einer Suchanfrage will er jetzt die Schwester finden. Über seinen Asylantrag ist noch nicht endgültig entschieden. "Wichtig für uns ist, dass er nach Beendigung der Ausbildung mindestens zwei Jahre bei uns arbeiten darf", betont Roscher-Geuß.
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