Erster Studientag der Ostbayerisch Technischen Hochschulen Weiden-Amberg und Regensburg
Menschenwürde vor Technik

Dies ist eine Phantom-Bushaltestelle vor dem Weidener BRK-Senioren- und Pflegeheim. Sie soll Demenzkranke daran hindern, unbemerkt wegzulaufen.

Nicht alles, was technisch möglich ist, entspricht unseren Ethik- und Moralvorstellungen. Doch sind die Entwicklung und der Einsatz von altersgerechten Assistenzsystemen überhaupt noch zu bremsen?

(sbü) Wissenschaftler befassten sich am ersten Studientag der Ostbayerisch Technischen Hochschulen Weiden-Amberg und Regensburg mit Zukunftsfragen. Dabei sprachen sie auch über die Kuschelrobbe Parlo. Sie sei längst in Japans Altersheimen eingeführt, mit künstlicher Intelligenz ausgestattet und erkenne Menschen an ihrer Stimme. "Wollen wir so etwas auch in unsere Heimen haben?", fragte Professor Dr. Christa Mohr (OTH Regensburg) beim Vortag am Studientag "Mensch, Medizin und Technik" an der Hochschule in Weiden.

Wirtschaftliche Zwänge der Alters-und Pflegeheime und vor allem der Mangel an Pflegekräften animieren die Medizintechnik-Branche zu immer neuen Innovationen. Zudem klagen 83 Prozent der Pflegebedürftigen über zu wenig Zeit der Pflegekräfte. Doch ob der Einsatz der Technik auch ethisch und moralisch vertretbar ist, wird von vielen infrage gestellt. Nicht selten steht dabei die Frage nach mehr Sicherheit und Unfallschutz in Konkurrenz zu Menschenwürde und Datenschutz.

Der Mikrochip am Fuß

Altersgerechte Assistenzsysteme (AAS), wie diese Techniken genannt werden, gibt es längst in großer Zahl in Deutschland. Sie reichen vom Treppenlift über Alarmsysteme bis hin zum GPS-Mikrochip am Fuß des alten Menschen. Prof. Mohr zeigte, dass die Forschung längst das "intelligente Haus" oder das "Smart-Home" für den alten Menschen konstruiert habe. Dort gibt es Telemonitoring, Erinnerungssysteme (zum Beispiel, wenn Vorräte zu Ende gehen) oder auch die Datenverbindung zu den Pflege-und Versorgungsdiensten. Auch in vielen unserer Alters- und Pflegeheime gebe es längst Sensormatten, Türüberwachungssysteme oder überwachte Schein-Bushaltestellen, um das Weglaufen von Demenzkranken rechtzeitig zu erkennen und es zu verhindern.

Die Entscheidung über den Einsatz der AAS werfe zahlreiche Fragen auf, betonte die Wissenschaftlerin. Vieles spreche dafür, vieles dagegen. "Die Grenzen von Pflege und Technik sind in unserer Gesellschaft noch nicht ausgelotet", sagte Professor Dr. Karsten Weber von der OTH Regensburg. In seinem Vortrag wurden die konkurrierenden Interessen besonders deutlich: "Privatheit und Datenschutz kollidieren mit Sicherheit." Vor allem würden alle bisher entwickelten "Prototypen von AAS" gegen Datenschutz-Richtlinien verstoßen. Es bestünde auch die Gefahr, dass alte Menschen ihr Verhalten ändern, "um keinen Alarm auszulösen". Aus Kostengründen wären diese Systeme bei den Pflegediensten hoch willkommen. Doch auch Gerechtigkeitsfragen stellte sich. Kranken- oder Pflegekassen finanzierten AAS noch nicht, so dass sich längst nicht alle alten Menschen die Techniken leisten könnten. Und ob sie diese bedienen könnten, sei auch oft fraglich.

Krankheit raus aus Alltag

In seinem einführenden Vortrag stellte Prof. Dr. Clemens Bulitta von der OTH Weiden fest, dass "Krankheiten immer mehr aus dem Alltag verdrängt werden, aber Krankheit gehört zum Menschen". Für Prof. Bulitta ist der Einsatz moderner Medizintechnik eine "höchst persönliche Entscheidung". Er hofft, dass ihm diese Entscheidung niemals von anderen abgenommen wird.

Der Studientag war erstmals ein in großem Rahmen durchgeführter gemeinsamer öffentlicher Auftritt von Studenten und Professoren aller Standorte der Ostbayerischen Technischen Hochschule.
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