Flucht und Segen

Es gibt sie: Menschen, die aus der Not mit Flüchtlingen Profit schlagen wollen. Also bieten sie Kommunen Wohnraum zu Wucherpreisen feil. In Weiden werden sie damit keinen Erfolg haben. "Wir wirken der Asylunterkunftsindustrie entgegen", betont der Baudezernent im Stadtrat. Trotzdem blickt er in sorgenvolle Gesichter.

"Wir sind derzeit bedient." Mehr dezentrale Unterkünfte für Flüchtlinge braucht die Stadt nicht, informiert Baudezernent Hansjörg Bohm auf Antrag der Grünen am Montag im Stadtrat. Dafür sorgten etwa die Stadtbau GmbH mit vier Wohnungen sowie ein privater Anbieter. Private Vermieter von etwa 20 Wohnungen seien wegen ihrer Mietvorstellungen nicht zum Zug gekommen. Sie wünschten sich mehrheitlich 10 Euro pro Quadratmeter, eine Pauschale von 20 Euro pro Person und Tag sowie zehn Jahre Vertragslaufzeit.

Die Stadt biete nur bis zu 7,50 Euro (ortsüblicher Mietpreis von 6 Euro plus 20 Prozent Zuschlag), die Übernahme der Nebenkosten und Kündigungsfristen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Zudem lebten derzeit in dezentralen Unterkünften rund 80 Personen plus 75 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Bohm versichert: Es wird ein neuer Aufruf gestartet, wenn es erneut Bedarf an Privatwohnungen gibt. Den wird es geben, ist sich die Grüne Gisela Helgath sicher: "Die Flüchtlingswelle ebbt nicht ab. Und dezentrale Unterkünfte sorgen für eine bessere Integration."

Erst am Sonntag brachten zwei Busse knapp 100 neue Flüchtlinge von Passau in die Turnhalle der Europa-Berufsschule, die Erstaufnahmeeinrichtung Weidens. "Diese Menschen kommen in desolatem Zustand", erklärt OB Kurt Seggewiß. Sichtlich bewegt schildert er das. Sichtlich bewegt zeigt er sich aber auch angesichts des Engagements der vielen Ehrenamtlichen dort. "Ich bin sowas von stolz auf die Stadtgesellschaft, wie hier in Weiden diese Hilfsbereitschaft funktioniert. Meinen Dank und meine Verneigung für die vielen, vielen Ehrenamtlichen." Der Stadtrat applaudiert. Einige melden sich gesondert zu Wort und danken - neben den Ehrenamtlichen zudem OB und Verwaltung. Doch ins Loblied platzen auch kritische Töne.

So klagt der OB über die zeitgleiche Anfahrt von Flüchtlingsbussen am Sonntag in Weiden und Windischeschenbach: "Dafür haben wir kein Verständnis." Schließlich bedienten sich Stadt und Landkreis desselben Roten Kreuzes. Veit Wagner erklärt: "Es gilt, den Ängsten der Menschen zu begegnen." Wie die aussehen, konkretisiert Josef Gebhardt (SPD), der als Tafel-Chef von mittlerweile 50 Prozent Kundschaft aus dem Bereich der Asylbewerber spricht. Er warnt vor Verdrängungsproblematik am Arbeitsmarkt, vom Kampf um günstigen Wohnraum, von Folgekosten. "Ein weitsichtiger Stadtrat muss schon jetzt Konzepte entwickeln."

Eine Bürgerversammlung zum Thema regt CSU-Fraktionschef Wolfgang Pausch an. "Denn hier leben schon seit Jahren Menschen, die es auch nicht leicht haben." Sie beobachteten sorgenvoll die "Kräftebündelung auf andere". Sozialdezernent Hermann Hubmann widerspricht vehement: "Wir leben nicht an den Problemen vorbei. Wir versuchen, unser gesamtes Klientel zu bedienen - jedem nach seinen Rechtsansprüchen." Ja, die Verdrängungsproblematik sei vorhanden: "Aber der Mietspiegel wird überarbeitet und die Turnhalle der Berufsschule bis Ende 2015 geräumt." In Sachen Integration verweist Hubmann auf Deutschunterricht, den die Flüchtlinge bereits einen Tag nach ihrer Ankunft erhalten. Ein großes Problem brennt dem Sozialdezernenten aber doch unter den Nägeln: Er wünscht sich eine Unterbringungsquote auch für die betreuungsintensiven UMF.

Gerade in die jungen Flüchtlinge setzen die Grünen Hoffnung: "Wir haben viel Aufwand mit den Flüchtlingen, aber sie werden uns auch bereichern. Etwa in Weidens Schullandschaft", meint Helgath. Der Schulentwicklungsplan wird aber erst in der Novembersitzung Thema sein.
Weitere Beiträge zu den Themen: September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.