Flüchtlingsheim über Nacht

Das Areal um die Berufsschulturnhalle ist vorerst abgesperrt. Auch der Stockerhutweg ist dort nicht befahrbar. Grund ist der Notfallplan der Stadt: Weil am Sonntag 100 Asylbewerber ankamen, wandelten Helfer die Halle kurzerhand in ein Heim um. Übrigens: Wer die Menschen selbst unterstützen will, kann sich an die bekannten Hilfsorganisationen vor Ort wenden oder an das Sozialamt. Bild: Hartl

Wie baut man über Nacht eine Art kleines Dorf? Diese Frage stellt sich der Stadt am Wochenende. 100 Asylbewerber sollen ein vorübergehendes Heim in der Berufsschulturnhalle bekommen. Und eine erstaunliche Aktion beginnt.

Samstag, 12.30 Uhr, das Telefon klingelt. An der Bezirksregierung liegt's diesmal nicht. Anders als bei früheren Ankünften von Asylbewerbern beurteilt die Stadt das Krisenmanagement diesmal als hervorragend, als Regierungspräsident Axel Bartelt am Telefon OB Kurt Seggewiß erklärt, dass bis Sonntagabend 100 Flüchtlinge in Weiden ankommen werden. Die Stadt hat dafür einen Notfallplan, Unterbringung in der Berufsschulturnhalle, und eine Reihe von Helfern, die bereitstehen.

Große Einsatzbereitschaft

Sie treffen sich um 15 Uhr, Krisenstab. Dass damit ihr Wochenende anders als geplant verläuft, stört offenbar nicht. Sozialdezernent Hermann Hubmann wird später sagen, es sei schon bemerkenswert, wie motiviert alle waren. THW, Bauhof und Feuerwehr zum Beispiel, die 108 Feldbetten mit Schlafsäcken, Trennwände, Tische und Stühle anschleppen. Oder die vielen anderen Beteiligten, die für das Lager die Sicherheit organisieren oder Rat wissen, als die Helfer am Samstag plötzlich merken, dass an alles gedacht wurde - Seife, Duschgel oder Rasierschaum etwa -, nur nicht an Handtücher. Aber auch dafür findet sich rasch eine Lösung. Innerhalb weniger Stunden nimmt das Dorf um die Halle Gestalt an.

Sonntag, 17 Uhr. Den Tag über waren wieder rund 50 Helfer im Einsatz. Mit Erfolg: Die Halle ist bereit. Der Stockerhutweg vor ihr ist abgesperrt. Alles ist so weit. Was fehlt, sind die Asylbewerber.

Keiner weiß, wann genau sie kommen. Seggewiß und Hubmann nutzen die Zeit und laufen noch einmal alle Posten ab: Die große Halle, die Räume des "Balance", wo die VHS normalerweise Kurse hält und jetzt Helfer Platz finden und ein Speisesaal eingerichtet ist. Auch das Gesundheitsamt ist vor Ort, um die Flüchtlinge, die gerade erst in Deutschland angekommen sind, zu untersuchen. Feuerwehr und Rotes Kreuz, die künftig abwechselnd im Schichtsystem vor Ort sein werden, haben sich eingerichtet. BRK-Einsatzleiter Herbert Putzer spricht nicht von Stress, sondern von Spaß bei der Arbeit für ihn und die Mitstreiter. "Wir sind gespannt auf die Leute." Bei der AWO läuft derweil die Küche im Hans-Bauer-Heim heiß. Sie übernimmt die Verpflegung. Für den Abend gibt's Rindseintopf.

Draußen hat ein Sicherheitsdienst Stellung bezogen. Auch die Polizei ist da. Die Sorgen gelten weniger der Ordnung im Lager, vielmehr geht es darum, die Neuankömmlinge ein wenig abzuschirmen. Schon beim Aufbau hat es ein paar böse Kommentare von Passanten gegeben. Letztlich bleibt es aber völlig ruhig, als die zwei Busse mit den Asylbewerbern schließlich ab 18.20 Uhr eintreffen.

Hinter den Scheiben scheue Blicke, erschöpfte Gesichter. Aus den Türen kommen schwangere Frauen ebenso wie grauhaarige Männer, manche tragen Säuglinge auf dem Arm. Am Ende werden es 100 Menschen sein, die meisten aus dem Bürgerkriegsland Syrien, andere aus dem Irak oder Eritrea. Sie sollen nur vorerst in der Turnhalle bleiben bis manche von ihnen in andere Bundesländer kommen und sich für den Rest über ganz Bayern hinweg Plätze finden.

OB Seggewiß, der die Aktion leitet, richtet einige Worte auf Englisch an sie. Hilfe bekommt er von Muttersprachlern, die der AK Asyl aus seinem Bekanntenkreis kurzfristig hergebeten hat und die auch weiterhin als Übersetzer bereitstehen. Letztlich läuft fast alles reibungslos. Auch wenn manche - klaglos - ungewohnte Aufgaben übernehmen. Die Mitarbeiterin des Rechtsamts etwa, die bis in die Nacht hinein Asylbewerber, die zur Behandlung ins Klinikum mussten, zur Halle zurückfährt. Oder ihr Chef Hubmann. Der Jurist kauft an diesem Sonntag auf Bitte von Seggewiß ein paar Zigaretten für die Raucher unter den Flüchtlingen.

Ruhige erste Nacht

Montag, 11 Uhr. Die erste Nacht ist vorbei - und war laut Wolfgang Seider von der Feuerwehr "ganz ruhig". Die Mitarbeiter der Security haben sich unterdessen auch ihre Gedanken gemacht. Jedenfalls erzählt einer, dass er und seine Kollegen schon dabei seien, Kleidung für die Flüchtlinge zusammenzutragen.

Wie es den Asylbewerbern selbst geht, lässt sich unterdessen nur erahnen. Die Stadt bittet die Medien bei einem Pressetermin, von Interviews mit ihnen vorerst abzusehen. So bleibt nur der optische Eindruck. Etwa am Hartplatz neben der Halle. Die Jüngeren sind inzwischen wieder zu Kräften gekommen und spielen dort Fußball, nachdem ein Lehrer der Berufsschule ein paar Bälle vorbeigebracht hat. Es ist zumindest ein kleines Stück Normalität in diesem alles andere als gewöhnlichen Dorf.
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