Frei und anarchistisch

Applaus, Applaus! Tolle Texte haben die Schülerinnen der 10. und 11. Klasse am Elly-Heuss-Gymnasium kreiert.

Und jetzt alle: "Es ist schön...". Der Poet: "...aufzustehen, wann man will". Alle: "Es ist schön...". Und er so: "...wenn man ganz still ein Katzenfell berührt". Nein wir sind noch nicht beim Poetry-Slam im Weidener Untergrund. Diese feinen Reime tönen bei den Literaturtagen aus den Klassenzimmern.

Weiden. (blu) Schön ist auch, dass sich in der letzten Woche Spitzenschriftsteller an den Weidener Schulen die Klinke in die Hand gaben. Da wird gelesen, geklatscht, diskutiert, gesungen, musiziert. Und beim Poetry-Slam-Workshop wird dann auch noch gereimt. Der Meister-Poet Felix Römer lehrt die Schüler, worauf es im professionellen Poetry-Slam-Geschäft ankommt: Konzentration und Schnelligkeit. Und diese üben die Schüler nun im Schnelldurchlauf.

Haare raufend brüten die Neuntklässler der Hans-Scholl-Realschule über ihren Blöcken. In fünf Minuten sollen sie selbst gewählte Stichwörter in eine Geschichte verwandeln. Und da zeigen sich doch tatsächlich ungeahnte Talente. "Ich schneide mir die Fingernägel - und esse noch schnell die Hähnchenschlegel", reimt Luca Kähne (16). Also, wenn so nicht ein Oberpfälzer Nachwuchspoet klingt! Und auch ein Hobby-Rapper findet sich unter den Teilnehmern. "Die Schule ist aus. Ich gehe nach Haus. Denn ich bin bereit, mit meinen Freunden chillen und grillen zu gehen. Wodka und Schenkeln kann ich nicht widerstehen", rappt der Schüler unter dem Künstlernamen MC Mochito (17) in lockerem Sprechgesang. Felix Römer lobt heftig und tut auch sonst alles, um die Schüler zur modernen Dichtkunst zu animieren.

Auch am Elly-Heuss-Gymnasium üben sich Schülerinnen in Wortakrobatik. Franziska Hüttner (16) träumt in ihrer Geschichte von Sommer, Sonne und John Lennon und ist begeistert: "Ich hab gelernt, was man mit wenigen Worten so alles schaffen kann." Aber auf die Bühne würde sie trotzdem noch nicht springen. Vielleicht bald, wer weiß. Denn in der Form ist der Poetry-Slam völlig frei. Alle Themen und literarischen Genres sind erlaubt. Ob der moderne Poet eine Gewitterwolke, die Niedrigpreispolitik oder den Kuss eines Gnus lyrisch, rappend oder kabarettistisch beschreibt, ist egal. Hauptsache, der Auftritt ist gut und dem Publikum gefällt's. Und das tut es.

Reimen ist keine Pflicht

Und reimen muss sich da auch nicht alles. Viel Lachen und Klatschen erntete deshalb auch dieser literarische Erguss eines Schreiberlings der Realschule: "Ich trinke Aminosäure aus einem Glas und gehe aufs Klo." Sinnlos, aber lustig. Und darum geht's ja auch: erlaubt ist, was Spaß macht. "Frei und anarchistisch ist die Form des Poetry-Slam" erklärt der Meisterreimer Felix Römer.

Begeistert steigen seine Dichterschüler auch bei der nächsten Übung voll ein. Jetzt geht es nicht um den Text, sondern um die Performance auf der Bühne. Nur noch ein paar Wörter wie ,Äh', ,Was?', ,Bitte!' und ,Nö' dürfen die Workshopteilnehmer benutzen und daraus ein kleines Stück bauen. Souverän meistern sie die Aufgabe und übertrumpfen sich in ihren Schauspielkünsten bei ausgedachten Liebesszenen und Detektivstories.

"Ich hätte echt nicht gedacht, dass wir mit so wenigen Worten eine so große Geschichte bauen können", lobt Lukas Heinrich (16). Viele lassen sich natürlich auch nicht entgehen, wenn ihr Lehrmeister und die anderen Größen beim Poetry-Slam am Samstagabend in der Tiefgarage des City-Centers mit Worten jonglieren. Es wird schön.
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