Freie Wähler erkunden bei Klausurtagung erneuerbare Energien in Merkendorf und Neumarkt
"Die Bremsen in den Köpfen lösen"

Beeindruckend: In nur acht Jahren wandelten sich die Krautbauern im fränkischen Merkendorf zu erfolgreichen Energiewirten. Sie trieben mit Biogas-, Photovoltaikanlagen und ein paar Windrädern den Eigenversorgungsgrad mit erneuerbarer Energie auf 200 Prozent (Weiden: vier Prozent!). Das mittelfränkische Städtchen im Landkreis Ansbach ist seitdem ein Eldorado für alle, die es mit der Energiewende ernst nehmen. Am Wochenende machten die Freien Wähler bei ihrer Klausurtagung Station bei Bürgermeister Hans Popp.

Zwei Dutzend Bürgermeister, Fraktionsvorsitzende, Kreis-, Stadt- und Gemeinderäte aus den Landkreisen Tirschenreuth und Neustadt/WN sowie der Stadt Weiden nahmen Rainer Sindersberger (Weiden) und Karl Meier (Neustadt) mit auf die Reise ins Fränkische und nach Neumarkt. Die Klausurtagungen genießen bei den Freien Wählern besonderen Stellenwert. Ergebnis der Sitzung im vergangenen Jahr war u. a. der Antrag zum Beitritt Weidens zur Genossenschaft "Neue Energien West" Neustadt (NEW-West). Der Weidener Stadtrat war sofort dabei.

Woher der Wind weht

An diese Erfolge soll angeknüpft werden - mit einem Antrag für einen überaus rentablen Windpark auf dem Höhen des Grenzkamms im Landkreis Tirschenreuth. Dort sind inzwischen viele Privat-Investoren unterwegs, um sich Flächen zu sichern. Weiden hätte bei Bärnau eigene Flächen. Mit NEW-West stünde eine Genossenschaft parat, die mit Grafenwöhr und Weiden sogar über zwei Stadtwerke verfügt. Eigentliche beste Voraussetzungen.
Allerdings müssten noch jede Meng "Bremsen in den Köpfen gelöst werden - bei den Bürgern, bei der Bürokratie", betont Sindersberger. Die Standorte seien dort weit besser als in Weiden oder im Landkreis Neustadt. Aber ein Genehmigungsverfahren für die Aktivitäten einer großen Bürgergenossenschaft sei noch "Beton pur".

Biogas: Kein Gestank

Die Nordoberpfälzer waren erstaunt, was in Merkendorf in den vergangenen acht Jahren entstand: Neun Biogasanlagen sorgen für Strom und Wärme in den meisten Ortsteilen. Bei Straßenerneuerungen werden Fernwärmeleitungen verlegt, berichtet Bürgermeister Hans Popp. So versorgen etwa Hans Eckert und Johann Winkler mit der Abwärme ihrer Biogas-Anlage (keine Geruchsbelästigung) Grundschule, Feuerwehrhaus, Bauhof, Sportheim und zehn Stadtwohnungen, die 500 Meter entfernt liegen. Die Nahwärmetrasse wird ins nahe Baugebiet weitergeführt.

Im 7,6 Hektar großen Gewerbegebiet Merkendorf ist ein regelrechter Energiepark entstanden. Die acht Betriebe, allesamt Neugründungen, bieten inzwischen 260 Arbeitsplätze. Die Unternehmen (z. B. Agrikomp, Agrigen, Fenster-Arnold, Payom-Solar AG, Krauss AG) bauen inzwischen auch für Auftraggeber in England, Polen, Südost-Europa und Afrika. Und: Sie sorgen für Umsatzsprünge bei ihren Zulieferern. Wertvoll für den Technologievorsprung sind die Fachhochschule sowie die Landesanstalten im nahen Triesdorf. Popp spielt alle Trümpfe der "prämierten Klimaschutzkommune Merkendorf": Er hat die Energie-Akademie, Energieberatung (führt durch Genehmigungsverfahren), "Agenda-Netzwerk" sowie die Arbeitsgemeinschaft Energieforum Merkendorf etabliert.

Total schuldenfrei

Die Gewerbesteuer der 2900 Einwohner-Stadt stieg von 500 000 Euro auf 3,6 Millionen Euro (2009). Merkendorf, mit bayerischen, deutschen und auch europäischen Auszeichnungen überschüttet, hat keine Schulden, treibt die Stadtsanierung (mittelalterliche Stadtmauer mit drei Türmen) voran, baut derzeit eine Seniorenwohnanlage, weist ein weiteres eigenes Baugebiet aus. Die Anlagenbetreiber durften sich 2010 auf 4,4 Millionen Euro aus dem Stromverkauf freuen. Hinzu kommen Erlöse aus dem Wärmenetz. "Es ist uns gelungen, den ländlichen Raum zu stärken und den Strukturwandel zu stoppen. Ökologie und Ökonomie greifen hervorragend ineinander."

Die Informationen sind ehrlich: Bürgermeister Hans Popp gesteht, dass er Windräder von "Fremdinvestoren" abzublocken versuche. "Wenn wir so etwas haben wollen, machen wir es mit den Bürgern selbst. Wir wollen ja keine 300 Prozent Selbstversorgung erreichen." Wichtig sind Energiesparen und effizienterer Einsatz der Energie. "Im Bereich Wärmenutzung ist noch einiges zu tun." Aufgrund der Dichte von Biogasanlagen ist die Versorgung mit Rohstoffen inzwischen schwierig. Wer nicht über ausreichend große eigene Anbauflächen (Mais, Weizen, Grüngetreide) verfügt, muss immer weitere Anfahrtswege akzeptieren. Die Pachten steigen.
Die Euphorie in Sachen Windnutzung dämpft Josef Fürnkäs. "Es ist kein Spaß mehr", meint er. Die drei acht Jahre alten Räder im Windpark Wolframs-Eschenbach erreichen gerade noch die Grenze zur Rentabilität, gesteht der Geschäftsführer. Sie decken zwar den Stromverbrauch von 700 Haushalten. Aber: Die Windhöffigkeit (Enercon E 40, 78 Meter Nabenhöhe, 44 Meter Rotordurchmesser) war zu optimistisch berechnet. Die Rendite ist klein.

Voll des Lobes ist hingegen Hermann Brückmann, der eine fünf Hektar große Freiflächen-Photovoltaik-Anlage (3,7 Millionen Euro) gebaut hat. Er montierte 4438 Solar-Panele auf 317 "Tracker", die sich stets optimal zur Sonne ausrichten. Der Unternehmer spricht von einer Mehrausbeute von 30 Prozent. Die Anlage versorgt 350 Wohnhäuser.
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