Führerhaus von Lok zermalmt

Die Feuerwehren aus den beiden Landkreisen hatten den Brand rasch unter Kontrolle. Sowohl die Zugmaschine des Tiefladers als auch der Regionalexpress hatten Feuer gefangen. Bild: FFW Hirschau

Um 3.30 Uhr ist es traurige Gewissheit: Das schwere Zugunglück in Freihungsand hat ein zweites Todesopfer gefordert. Die Feuerwehr birgt den Leichnam des 35-jährigen Lokführers. Von rund 40 Passagieren im Regionalexpress, der am Donnerstagabend sein Ziel Weiden nie erreichte, werden 18 verletzt, vier davon schwer.

Am stockdunklen Himmel tauchen Lichter auf, das Dröhnen kündet den ersten Rettungshubschrauber an. Er setzt kurz nach 23 Uhr auf einer Wiese gegenüber der Unglücksstelle auf. Kurz darauf der zweite Helikopter. Später werden sie zwei Schwerverletzte ausfliegen, nach Auskunft des Leitenden Notarzts Dr. Torsten Birkholz nach Regensburg und Nürnberg.

Mit Schaum gelöscht

Ein Zug sei mit einem Militärtransporter zusammengestoßen, es sei zu einer Explosion gekommen, mehrere Tote habe es gegeben: Die Angaben sind kurz nach dem Unglück sehr widersprüchlich. Karl Luber aus Freihung ist einer der ersten, die am Unfallort eintreffen. Zu diesem Zeitpunkt brennt der Führerstand lichterloh. Die Feuerwehr setzt Löschschaum ein. "Er kühlt und erstickt die Flammen, während Wasser nur kühlt", erklärt der Kreisbrandinspektor. "Die Löschwirkung ist wesentlich höher als bei Wasser, vor allem bei großer Hitze." Unter der rechten Seite der Front des vorderen Triebwagens hängt die Zugmaschine des Tiefladers, den der Regionalexpress 3535 erfasst hatte. Oder besser gesagt, was von ihr übrig geblieben ist. Gespenstisch ragt ein Reifen aus dem Bahndamm hervor. Der Zusammenprall des Tiefladers und der Bahn war rund 400 Meter weiter vorne erfolgt.

Noch viele offene Fragen

Am Bahnübergang beim Quarzwerk Strobel wollte der Tieflader die Gleise überqueren. Geladen hatte er ein US-Militärfahrzeug, zwölf Tonnen schwer. Dieses sollte zur Reparatur zur Garnison Grafenwöhr gebracht worden. Dafür hatten die Amerikaner eine zivile Spedition beauftragt. Warum der Fahrer den Weg über Freihungsand gewählt hat, ist eine Frage, die noch offen ist. Eine von vielen. Unklar auch, warum der Tieflader auf dem Übergang liegenblieb.

Aus Nürnberg kommt der Regionalexpress, sein Ziel ist Weiden, der Triebwagen trägt den Namen der Stadt Amberg. Erlaubt sind auf diesem Abschnitt 140 km/h. Wie schnell die Bahn tatsächlich fuhr, lässt sich noch nicht sagen. Die Wucht des Aufpralls ist immens, sie setzt eine unvorstellbare Energie frei. Der Regionalexpress kommt nach rund 400 Metern zum Stehen. Die Zugmaschine des Tiefladers wurde abgerissen und mitgeschleift, Feuer bricht aus. Den Fahrer des Tiefladers, ein 30-jähriger Rumäne, finden die Retter tot neben den Gleisen. Er dürfte bei dem Aufprall aus dem Fahrzeug geschleudert worden sein. Sein Kollege, ein fünf Jahre jüngerer Landsmann, überlebt leichtverletzt.

Er muss sich zum Zeitpunkt der Kollision außerhalb des Führerhauses befunden haben, so die Polizei am Freitagmorgen. Ist er abgesprungen, als er die sich anbahnende Katastrophe realisierte? Auch darauf gibt es noch keine Antwort. Rund 40 Passagiere sind an Bord des Zuges. 18 von ihnen werden verletzt. Um sie kümmern sich 80 Helfer des Roten Kreuzes, acht Notärzte, Leitender Notarzt Dr. Torsten Birkholz und die Krisenintervention. Plus 185 Feuerwehrleute aus zwei Landkreisen.

Das Quarzsandwerk hatte sofort sein Gelände geöffnet, Sozialräume wurden zu Verletztensammelstellen umfunktioniert. Ein Rettungswagen fährt vom Werksgelände der Firma Strobel zur Wiese, wo die Rettungshubschrauber warten, ein zweiter folgt kurz darauf. Die Helikopter bringen zwei der vier Schwerverletzten in Kliniken nach Regensburg und Nürnberg. Landrat Richard Reisinger kommt an die Unglücksstelle, die Erschütterung ist ihm anzusehen. "Ich bin wie alle ergriffen über das, was passiert ist."

Freihungs Bürgermeister Norbert Bücherl macht sich ebenfalls ein Bild. Er war erst am Abend aus dem viertägigen Wien-Urlaub mit der Familie zurückgekehrt, hatte mitbekommen, wie die Feuerwehr ausrückte und immer mehr Rettungskräfte in seine Gemeinde kamen. Um 0.30 Uhr organisiert er heiße Nudelsuppe für die Einsatzkräfte.

Vermisst bleibt der Lokführer. Und noch wissen die Rettungskräfte nicht, ob möglicherweise Passagiere in der direkt an den Führerstand angrenzenden Ersten Klasse waren. Sie hätten keine Chance gehabt, dieses Abteil brannte ebenso wie der vordere Bereich des Zuges völlig aus. Akribisch kämpfen sich vier Feuerwehrleute durch den vom Feuer zerstörten Bereich des Regionalexpress'. Laut Kreisbrandrat Fredi Weiß schneiden die Aktiven sogar die Tische heraus - sie wollen sichergehen, ja nichts übersehen zu haben. Um an den Führerstand zu kommen, muss der komplette Frontbereich des Zuges abgenommen werden. "Wir haben das mit einer Seilwinde weggezogen", erläutert Weiß. Um 3.30 Uhr ist es traurige Gewissheit: Der Lokführer (35) ist das zweite Todesopfer.

250-Tonner-Kran hebt Zug

Das Wrack steht am Freitagmorgen noch auf den Gleisen. Seit 2 Uhr morgens läuft die Bergung. Um den Zug zu heben, kommt ein 250-Tonnen-Kran, erklärt Bergungsleiter Christian Wittmann. "Der war in Regensburg auf einer Baustelle im Einsatz, wurde abgebaut und hierher beordert." Ein 80-Tonner zieht die Zugmaschine des Tiefladers hervor. Um kurz vor 18 Uhr bauen Wittmann und sein Team die Kräne wieder ab.
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