Fünf Kilo pure Energie

Papa Wolfgang mit Hannah, Mama Martina mit Lisa. Die Zwillinge sind - trotz sehr früher Geburt - wohlauf und entwickeln sich bestens. Vor allem die kleine Hannah erweist sich als richtiger Treibauf, der nichts verpassen möchte. Bild: Porsche

Als seine Töchter Hannah und Lisa in der 25. Schwangerschaftswoche auf die Welt kamen, rechnete Wolfgang Brummet mit dem Schlimmsten. "Man hört doch in den Medien fast nur von den Katastrophen." Doch die beiden Frühchen Hannah und Lisa sind putzmunter. Sie feiern am heutigen Samstag ihren ersten Geburtstag.

Weiden/Neustadt. (ps) 615 Gramm wog Lisa bei der Geburt, Hannah 650. Kaum zu glauben, dass aus solchen Super-Leichtgewichten derartige Energiebündel werden können. "Ein kleines Schmusetier passte anfangs über ihren ganzen Körper", erinnert sich Mama Martina Schniebel. Mittlerweile haben die zwei Mädels zugelegt: auf 5400 bzw. 5050 Gramm, womit sie natürlich immer noch sehr zart sind. Vor allem Hannah hält aber auch kaum eine Minute still - und beide sind keine großen Esser.

Füttern dauert lange

Füttern nimmt deshalb einen Großteil von Martinas Zeit in Anspruch, die übrigens Kinderkrankenpflegerin ist. Als ihr Lebensgefährte in Elternzeit war, hielten die Zwillinge sogar beide Eltern ständig auf Trab. "Sieben bis acht Mal Füttern am Tag, jeweils etwa eine Stunde pro Kind. Mit allem Drum und Dran wie Wickeln bist du da mit zwölf Stunden am Tag dabei. Für ein Kind", rechnet der 44-Jährige vor. "Wie soll das einer allein schaffen?" Drei Monate lang hat der IT-Administrator deshalb seine Frau verstärkt, als die Kleinen endlich aus der Klinik nach Hause durften. Sein Arbeitgeber - die Firma Wimex in Regenstauf - hat sich da als familienfreundlich erwiesen.

Hannah will während des Gesprächs unbedingt auf Mamas Schoß. Als sie einen Finger des Gastes zu fassen bekommt, packt sie überraschend kräftig zu. "Ja, sie besteht fast nur aus Muskeln", lacht Martina Schniebel über das Erstaunen. Akribisch notiert die 41-Jährige die Gewichtsentwicklung ihrer Kinder, Essensmengen und Verdauung. Andere Mütter erhalten hier anfangs Unterstützung durch den Bunten Kreis Nordoberpfalz. Die Kinderkrankenschwester war selbst für die Einrichtung tätig und kennt sich deshalb bestens aus.

Dass die beiden Mädchen der Familie Brummet-Schniebel Frühchen werden, war nicht absehbar. Doch nach 24 Schwangerschaftswochen plus 3 Tagen stellten sich völlig überraschend Schmerzen ein. Martina fuhr damals noch von Regensburg zu ihrem Frauenarzt in Weiden. Der ließ die Neustädterin sofort ins Weidener Klinikum transportieren. "Ich dachte, vielleicht geht alles gut, wenn ich schön brav liegen bleibe", erinnert sich die 41-Jährige. "Aber am nächsten Tag waren die Kinder da."

Viele Unwägbarkeiten

Dabei war der Mutter natürlich bewusst, welche Risiken ein derart früher Geburtstermin birgt. Schließlich war sie selbst bis zu ihrer Schwangerschaft auf der Intensiv- und Frühchenstation des Weidener Klinikums tätig. Allein in den ersten drei Lebenstagen bestehe die große Gefahr von Hirnblutungen. "Aber auch danach gibt es noch viele kritische Situationen." Erst einige Wochen später habe sie es deshalb gewagt, einen Kinderwagen zu bestellen. In den ersten Wochen gebe es einfach zu viele Unwägbarkeiten. Dabei wusste sie ihre Zwillinge bei Ärzten und Kolleginnen in besten Händen. Nicht, weil sie selbst auf der Station gearbeitet hat. "Es sind einfach ausgezeichnete Mitarbeiter", sagt sie. "Man fühlt sich dort gut aufgehoben. Das bestätigen auch andere."

Hannah und Lisa mussten unter anderem beatmet werden, weil ihre kleinen Lungen noch nicht voll entwickelt waren. Dreieinhalb Monate blieben die Babys auf der Frühchenstation. Zum Stillen bzw. Füttern war Martina täglich vor Ort. "Von Neustadt aus bin ich ja in zehn Minuten dort." Als die zwei Kleinen endlich selbst atmen konnten, war das ein Riesenschritt für die Familie. Natürlich war da noch die Angst vor Infektionen - "so etwas ist immer möglich" - oder anderen Komplikationen. Aber - toi, toi, toi - die beiden Mädels, die so früh ins Leben drängten, entwickeln sich ausgezeichnet.

"Die Leistung des Klinikums war da mit ausschlaggebend", ist der Vater überzeugt. "Selbst wenn es manchmal nur in ganz kleinen Schritten vorwärts ging." Für den Laien ist es ohnehin kaum vorstellbar, dass sich aus so winzigen Babys zwei gesunde Kinder entwickeln. Wolfgang zweifelte angesichts der frühen Geburt anfangs sogar am Überleben seiner Kinder. "Erst als der Arzt mir gesagt hat, Glückwunsch, Sie sind Vater, dachte ich: Mensch, wir haben ja doch eine Chance." Auch Martina gesteht, sie hatte Angst: "Ich dachte: Wenn das schief geht mit den Mädels, hab ich gar nichts mehr: Keine Kinder und keinen Beruf. Denn wenn sie gestorben wären, hätte ich bestimmt nicht mehr auf die Station gehen können." Doch die Angst war umsonst.

"Echte Powergirls"

Sicher, eine Krankengymnastin und eine Logopädin von der Frühförderung kommen jetzt regelmäßig zu der Familie, weil die beiden Mädels eben doch noch nicht so weit entwickelt sind wie Babys, die zum errechneten Geburtstermin die Welt erblicken. Aber: Hannah und Lisa haben keine körperliche oder geistige Behinderung davongetragen und sind - wie die Eltern strahlend betonen - "echte Powergirls".
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