Geboren zwischen Trümmern und Toten

Im Taufbuch der protestantischen Pfarrei Weidens steht es schwarz auf weiß: Böhm Karin Ingeborg war die erste Weidenerin, die am Tag der Befreiung Weidens durch die Amerikaner am 22. April 1945 auf die Welt kam. Bilder: Götz (2)

Als am 22. April 1945 der Morgen graut, rollen die Amerikaner mit ihren Panzern in Weiden ein. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Das Leben von Karin Ingeborg Böhm, Tochter von Sofie Böhm, hat gerade erst begonnen.

Sofie Böhm ist hochschwanger. Bereits Anfang April 1945 sollte sie ihr erstes Kind auf die Welt bringen. Doch das Baby lässt sich Zeit. Also harrt die Mutter weiter aus im Elternhaus in der Rehbühlstraße, gegenüber der Gaststätte Heimgarten. Ihr Mann wird an der Front in Russland vermisst. Und schon wieder heult der Luftalarm.

Die Tieffliegerangriffe auf die Stadt häufen sich in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Der Schlimmste trifft Weiden am Montag, 16. April 1945, als beherzte Eisenbahner, der Lokführer Johann Grünwald und der Heizer Georg Dietl, einen beschossenen Munitionszug aus dem Stadtgebiet fahren wollen. Bei der Porzellanfabrik Seltmann kommt es zur Explosion. Weiden erlebt seinen schwersten Kriegstag.

Auch in der Rehbühlstraße wackeln die Wände, klirren die Fenster. 60 Menschen verlieren in Folge der Detonation ihr Leben. Sofie Böhm trägt das ihres Kindes noch unter dem Herzen. Drei Wochen ist die Geburt überfällig. Am 21. April 1945 macht sich die werdende Mutter auf ins Krankenhaus. Derweil steht die Stadt unter schwerem Beschuss aus Richtung Neunkirchen. Bauscher brennt, der Hoit-Goberl-Turm, der Dienstsitz des Stadthüters in der Bürgermeister-Prechtl-Straße, stürzt ein. Beschwerlich und lang wird der Fußmarsch der werdenden Mutter zum Krankenhaus. Angsteinflößend ist er obendrein.

Der Vater, August Schultheiß - ein Eisendreher, der mit Frau Lisett in der Rehbühlstraße 39 eine Manufaktur führt -, begleitet seine Tochter. Immer wieder huschen die beiden in Hauseingänge, verstecken sich vor den heranrollenden Lastwagen. Heraus springen Männer, die rechts und links in Häuser stürmen. Vermutlich durchsuchen sie sie nach Waffen. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander in der Stadt. Weidener rennen, retten, flüchten. Die einen wollen an die Amerikaner übergeben und schwenken weiße Fahnen. Die anderen leisten Widerstand bis zum bitteren Ende. Mitten durch Chaos und Kugelhagel in der Stadt bahnen sich Sofie Böhm und ihr Vater den Weg ins Krankenhaus. Statt der üblichen 40 Minuten brauchen sie drei Stunden. Dort angekommen, muss Sofie Böhm in den Keller, der einzige Ort, dem die Bomben noch nichts anhaben können. Die Wehen werden stärker.

Fertig, aber befreit

Die Helfer müssen Sofie Böhms Kind mit der Zange holen. Unweit liegen Menschen, die sich bei der Zugexplosion verletzt haben. Auch von Laken bedeckte Tote erspäht Sofie Böhm. Als die Uhr am 22. April 0.55 Uhr zeigt, hat sie ihr erstes Kind, ein Mädchen, geboren. Sie nennt es Karin Ingeborg Böhm und hält es in den Armen, als im Morgengrauen uniformierte Amerikaner den Krankenhauskeller betreten. Sofie Böhm hält den Atem an, als ein schwarzer Mann in ihre Richtung kommt.

Die Weidenerin umklammert ihr Kind. Der Schreck lähmt sie. Der Soldat spricht sie an: "Baby?", fragt er schlicht. Sofie Böhm nickt nur - und der Soldat lacht. "In diesem Moment war meine Mutter zwar fertig von der schweren Geburt. Aber sie fühlte sich auch unendlich befreit", weiß Tochter Karin Ingeborg Böhm. Das Gefühl bestätigte sich erst Stunden später, als die Krankenschwestern von amerikanischen Panzern erzählten, die ab 9.30 Uhr aus Richtung Rothenstadt, Altenstadt und Neunkirchen in die Stadt einrollten.

So jedenfalls erzählte es Sofie Böhm unzählige Male an den Geburtstagen ihres Kindes am 22. April. Das Kind von damals, Karin Ingeborg Böhm, wird heuer 70 Jahre alt und lebt als Ingeborg Schauer in Hamburg. Zu ihrem Geburtstag im Jahr 2015 kehrt sie für Feierlichkeiten zurück nach Weiden.

Ihre Geburtsstadt verließ Ingeborg Böhm - Karin akzeptierten die Großeltern nicht als Vornamen - bereits 1951. Gerade war das Mädchen in Weiden eingeschult worden. Doch der Vater, ein Mitarbeiter des Reichsbahn-Ausbesserungswerks (RAW), wurde nach München versetzt. Die Familie - mittlerweile gibt es auch eine Schwester - kommt mit. Trotzdem kehrt Ingeborg Böhm immer wieder zurück nach Weiden. Hier verbringt sie bei den Großeltern am Rehbühl sowie in der Prinz-Ludwig- und später in der Nikolaistraße die Ferien. Die dritte Klasse besucht sie in der Clausnitzerschule (das ehemalige Gebäude der Volkshochschule, das erst Anfang April im Zuge der Errichtung der Stadtgalerie abgerissen wurde) in der Sedanstraße. Sie liebt das Markttreiben gegenüber der Josefskirche, das Volksfest und die morgendlichen Fußmärsche zum Gottesdienst in der "Michaeliskirche".

Rückkehr zu den Wurzeln

Nach der Heirat der Bankangestellten mit Ulrich Schauer wohnt Ingeborg Schauer in Stuttgart. Schließlich lassen sich die beiden in Hamburg nieder. Sie macht dort Karriere bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank. Seit über 40 Jahren leben sie nun schon dort. Trotzdem kehrt Ingeborg Schauer mindestens ein Mal pro Jahr nach Weiden zurück, besucht die Gräber der in den 60er Jahren verstorbenen Großeltern Schultheiß und Böhm am Stadtfriedhof. "Ich laufe alte Wege ab. Denn emotional bin und bleibe ich eine Weidenerin."

Am 24. April kommt sie erneut in ihre Geburtsstadt. Gemeinsam mit ihrem Mann, der Familie der Schwester und den Schwiegereltern wird sie in ihrer Geburtsstadt 70. Geburtstag feiern. "Alle sollen sehen, woher ich komme. Die Stadtführung ist schon gebucht." Ein Besuch der Michaelskirche ist auch geplant. Im dortigen Pfarramt dokumentiert schließlich das Taufbuch das Stück Geschichte, das Ingeborg Schauer am 22. April 1945 geschrieben hat: Sie war das erste Kind, das am Tag der Befreiung Weidens durch die Amerikaner geboren wurde. Mutter Sofie Böhm kann ihr die Geschichte zu diesem Tag schon lange nicht mehr erzählen: Sie starb 1990 mit 69 Jahren in Unterbrunn bei München.

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.