Geisterfahrer bleibt Alptraum

An Entschuldigungen lässt es der Angeklagte vor Gericht nicht mangeln. Zwei Mal steht der schmale, fast zarte Mann auf und geht auf die Zeugen zu. Einmal zu einem der Polizisten, die Kopf und Kragen riskiert haben. Ein zweites Mal zu der Lenkerin eines Viehtransports. Die Oberbayerin nimmt das Bedauern an: "Bischt g'straft gnua, gell?"

(ca) Die Frau aus Aichach war mit ihrem 14-jährigen Sohn als Beifahrer mit einem 40-Tonner voller Kälber auf der A 93 unterwegs. Sie hatten im Radio vom Geisterfahrer gehört und standen mit Warnblinkanlage bei Schwandorf auf dem Standstreifen, als die Lichter direkt auf sie zukamen. "Wir haben ihn lange gesehen. Ich habe ihm zwei Mal reingeblendet."

Als sie erkannte, dass der Audi nicht ausweichen würde, gab die Frau Vollgas und rettete ihren Viehtransport quer auf die Überholspur hinüber. "Und dann ist er eine Handbreit am Hänger vorbei." Schäden habe sie nicht davongetragen. "Ich hab' in der Nacht scho oft a Licht gesehen, aber ich bin die Strecke eine Woche später wiedergefahren."

Nicht so leicht fiel das einer Beamtin aus dem Landkreis Schwandorf. Die 47-Jährige stand wegen einer Polizeisperre bei der Anschlussstelle Nabburg auf dem Standstreifen, als der Geisterfahrer auf sie zuhielt. "Ich sah zwei Scheinwerfer auf mich zukommen mit Wahnsinnsgeschwindigkeit, 140, 150 km/h. Ich sah ihn am Steuer sitzen in allen Einzelheiten, ein jüngerer, schlanker Mann." Keine zehn Meter vor ihr habe der Fahrer doch noch an ihr vorbeigezogen. "Ich habe kein schönes Leben mehr." Sie schlafe schlecht. "Ich habe drei minderjährige Kinder. Was wäre passiert, wenn ich gestorben wäre?"

Auch die Freundin des Angeklagten tritt als Zeugin auf, eine 14 Jahre ältere, hübsche und selbstbewusste Maklerin. Der Streit sei wegen einer "Bekanntschaft" entbrannt, die sie ein Vierteljahr vorher gemacht habe. "Da hätte mehr daraus werden können, aber das wollte ich nicht." Sie sah an dem Abend keinen weiteren Klärungsbedarf: "Für mich war die Sache erledigt." Sie bewertete auch den Streit als unbedeutend, nach dem der Freund das Haus verließ, um den vermeintlichen Nebenbuhler im Landkreis Tirschenreuth aufzusuchen. "Ich dachte, er holt Zigaretten."

Entsprechend überrascht sei sie gewesen, als sie ihn 20 Minuten später per SMS zum Abendessen rief ("Kommst du zur leckeren Suppe?") und folgende Antwort erhielt: "Ne, habe Tabletten und Alkohol zum Abendessen." Die Nachrichten steigerten sich dramatisch: "mir ist schummrig", "euch alles Gute", "vergib mir", "auf der A93 falsch rum, wenn mich die Polizei nicht vorher schnappt". Dann war der Akku leer und die Freundin rief die Polizei. Auf die Frage, ob man noch ein Paar sei, muss die 46-Jährige etwas überlegen: "Im Grunde genommen schon."

Während der Tat stand der Angeklagte unter Einfluss von Alkohol und Methylphenidat, dem Wirkstoff von Ritalin, das Kindern bei ADHS verschrieben wird. Laut Rechtsmediziner ist Ritalin verwandt mit Amphetaminderivaten (Speed). Der 32-Jährige hatte 60 Tabletten seines Stiefsohns eingenommen und mit Alcopops hinuntergespült. Eine Mischung, die zu einer gegenseitigen Wirkungsverstärkung führt: Enthemmung, Risikobereitschaft, eine subjektiv erhöhte Leistungsfähigkeit. "Ich war euphorisiert: Ich kannte mich nicht so, dass ich etwas durchziehe", sagt der Angeklagte. (Seite 3)
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