Geld spielt keine Rolle

Wolfgang Artur Franz S. sagt, er besitzt bald 57 000 000 US-Dollar. Oder sogar 833 Millionen. So viel ist es nicht, was die Justiz in den Prozess gegen den wegen Betrugs angeklagten 68-Jährigen investieren muss. Aber allein für Übersetzungen hat das Landgericht Weiden inzwischen 145 000 Euro ausgegeben.

(ca) In Palma de Mallorca waren nach der Verhaftung mehrere Umzugskisten Schriftverkehr beschlagnahmt worden. Auch am Mittwoch mühte sich eine Dolmetscherin mit spanisch- und englischsprachiger Korrespondenz ab. Tenor ist immer der gleiche: Banken und Behörden fordern immer neue Gebühren, ehe sie das Geld freigeben. Ein geschädigter Fahrlehrer (74) aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach erklärte das auf gut bayerisch: "S. war früher im internationalen Tabakgeschäft in Afrika. Als er ausstieg, hat er sein Kapital rausgeholt. Um dieses Vermögen wollen die ihn jetzt bringen."

Wer sind "die"? "Na, der James, Banker von New York. Der hätte das eigentlich weiterleiten müssen." Der Fahrlehrer spricht von James Aramanda, CEO der US-Bank Clearing House. Laut Leupold einer der zehn "prominentesten Finanzmenschen der Vereinigten Staaten". Wolfgang S. behauptet steif und fest, dass er in Dauerkontakt mit Aramanda stand, um seinen Mega-Deal abzuwickeln.

Plötzliches Herzrasen

Auch der Fahrlehrer hat dazu 50 000 Euro beigesteuert. Der 74-Jährige ist einer von fünf Geschädigten aus der Oberpfalz. Sie alle investierten auf Empfehlung von zwei Mittelsmännern: einem Finanzberater aus Amberg und einem Versicherungsmakler aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach. "Der hat gesagt: Wenn du etwas Geld übrig hast, hätte ich da was Interessantes und du könntest guten Profit machen." Und wie alle bisher befragten Opfer glaubt auch der Fahrlehrer an ein gutes Ende: "Das ist nicht in den Wind geblasen."

Aufschluss könnten die zwei Mittelsmänner bringen. Der Finanzberater aus Amberg verbreitet offenbar noch ganz aktuell Zuversicht. Ein Geschädigter sagte am Mittwoch: "Ich glaube schon, dass das noch fließen wird. Ich hatte ein Telefonat mit ihm. Er ist zuversichtlich." Läuft die Millionen-Masche also ohne Wolfgang S. weiter? Tatsächlich datieren drei der am Mittwoch übersetzten Briefe aus der Zeit nach seiner Verhaftung. Sie alle garantieren die Auszahlung von 57 Millionen US-Dollar. Die Absender: angeblich die Barclays Bank New York und London sowie "Federal Reserve Board New York".

Leider ist der Finanzberater aus Amberg nervlich zu angespannt, um ins Weidener Landgericht zu kommen. "Burnout, Herzrasen und Schlaflosigkeit" attestierte ihm eine Allgemeinärztin aus Amberg am Vortag der Verhandlung. Das brachte ihm ein Ordnungsgeld von 200 Euro ein, weil arbeitsunfähig nicht gleich verhandlungsunfähig bedeute, so Vorsitzender Richter Walter Leupold. "Schlafen soll er bei uns ja nicht." Der Versicherungsvertreter (57) aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach kam zumindest - aber er machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Gegen beide läuft ein paralleles Betrugsverfahren.

Die Gesundheit vieler Zeugen verschlechtert sich rapide mit dem Vorladedatum. Der 9-Uhr-Zeuge ließ sich um 8.07 Uhr von seiner Angestellten krank melden. Eine Zeugin aus Kolbermoor, die über ein früheres Strafverfahren gegen Wolfgang S. in München hätte Auskunft geben sollen, faxte am Vortag: "Ich pflege meine 84-jährige Mutter der Pflegestufe III rund um die Uhr."

Leupold regte eine Vernehmung im Amtsgericht Rosenheim an. Das wäre noch der geringste Weg. Immerhin steht am 16. Oktober ein Trip nach Amsterdam an. Dort werden ein Vertreter der ING-Bank und ein niederländischer Polizist vernommen. Weitere Dienstreisen - auch nach New York - sind nicht ausgeschlossen.
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