Gesellen steht die Welt offen

Handwerk hat mehr denn je goldenen Boden. Davon sind (von links) IHK-Gremiums-Geschäftsführer Wolfgang Eck, Geschäftsführerin Christa Neubauer-Kreutzer (Kreishandwerkerschaft), Jürgen Spickenreuther (Initiative "Pro Ausbildung"), Arbeitsagentur-Chef Thomas Würdinger, Klaus Gredinger (Teamleiter Arbeitgeber-Service) und Pressesprecherin Karin Hartung überzeugt. In der Woche der Ausbildung rühren sie deshalb die Werbetrommel für den dringend benötigten Nachwuchs. Bild: Götz

Die Situation hat sich grundlegend gewandelt. Noch vor kurzem hatten die Arbeitgeber freie Auswahl, wenn es um die Besetzung ihrer Lehrstellen ging. Jetzt gilt das Gleiche für die Mehrzahl der Jugendlichen, die nach der Schule auf den Ausbildungsmarkt drängen.

Weiden. (ps) So sie denn drängen. Denn Tatsache ist: Immer mehr Schulabgänger wollen nicht sofort in den Beruf, sondern bevorzugen Studium oder eine weiterführende schulische Ausbildung. Die Folge: Das Handwerk gerät langsam in die Bredouille, findet nicht mehr ausreichend Nachwuchs. "Dabei wissen viele Jugendliche gar nicht, welche Chancen das Handwerk bietet", bedauert Christa Neubauer-Kreutzer, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Nordoberpfalz. In einer konzertierten Aktion wollen Arbeitsagentur, Kreishandwerkerschaft, Industrie- und Handelskammer sowie die Initiative "Pro Ausbildung" nun gegensteuern. Sie laden zur "Woche der Ausbildung" ein.

100 Verträge weniger

"Statt 700 hat das Handwerk im vergangenen Jahr nur noch 600 Ausbildungsverträge abgeschlossen", zeigt Klaus Gredinger, Teamleiter Arbeitgeber-Service, im Pressegespräch auf. Dabei mangele es nicht am Ausbildungswillen der Handwerksmeister, sondern an der Zahl der Bewerber. "Wir müssen diesen Rückgang bremsen", sagt Gredinger. Vielen Jugendlichen sei gar nicht bewusst, welche Vielfalt an dualen Ausbildungsplätzen vor Ort existiere. Und wie gut die Zukunftschancen für die künftigen Handwerker seien, fügt Arbeitsagentur-Chef Thomas Würdinger hinzu: "Wenn man das durchschnittliche Einkommen betrachtet, schlägt das Pendel langsam zugunsten der Auszubildenden im Handwerk um." Viele Akademiker fänden später keinen Arbeitsplatz in der Region. Doch selbst andernorts gäbe es immer mehr arbeitslose Akademiker.

Als Beispiel für die heutzutage im Handwerk sehr hochqualifizierten Berufsbilder nennt Christa Neubauer-Kreutzer den Elektroniker für Automatisierung. "Die Ausbildung kann man im Handwerk oder an der IHK absolvieren. Das hat ganz viel mit EDV zu tun." Für Absolventen dieser Ausbildung gelte: "Nach dreieinhalb Jahren steht ihnen mit dem Gesellenbrief die Welt offen."

Der Drang von Jugendlichen hin zu Schreibtischberufen sei zwar verständlich, meint Jürgen Spickenreuther, Vorsitzender der Initiative "Pro Ausbildung". "Aber in manchen Fällen wird sich das als Sackgasse erweisen." Wie Thomas Würdinger prognostiziert auch er für die Zukunft immer mehr arbeitslose Akademiker. Im Handwerk dagegen sei statt Arbeitslosigkeit eher Überbeschäftigung in Sicht. Deshalb werbe die Initiative "Pro Ausbildung" jetzt nicht mehr um zusätzliche Lehrstellen, sondern um zusätzliche Auszubildende im dualen System.

Noten sind nicht alles

"Es brennt an allen Ecken und Enden." Christa Neubauer-Kreutzer schlägt für das Handwerk Alarm. Selbst einst so heiß begehrte Berufe wie Friseurin leiden nach ihren Worten inzwischen an Nachwuchsmangel. Viele Handwerksbetriebe würden im Rahmen der Berufsausbildung außerdem Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung und ähnliches anbieten. Thomas Würdingers Appell an die Arbeitgeber: "Die Talente von Jugendlichen zeigen sich nicht immer nur an der Note." So mancher junge Mensch würde dadurch zu Unrecht durchs Raster fallen. Die Arbeitsagentur biete hier auch Unterstützung an, beispielsweise durch ausbildungsbegleitende Hilfen.

Vom 16. bis zum 20. März können Jugendliche und deren Eltern, aber auch ganze Schulklassen, in die unterschiedlichsten Handwerksbetriebe im Raum Weiden-Neustadt-Tirschenreuth reinschnuppern (siehe Kasten). Anmeldungen nimmt Klaus Gredinger entgegen, Telefon 0961/409 3500.

Daneben ist ein Business-Talk für Unternehmer der Region geplant: am Montag, 16. März, um 17 Uhr in der Arbeitsagentur Weiden. Der Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, Dr. Georg Haber, übernimmt die Einführung in das Diskussionsthema "Spezielle Stärken der dualen Ausbildung bei grenzüberschreitenden Arbeiten".

Teilzeitausbildung stärken

Die IHK Regensburg organisiert in der Geschäftsstelle Weiden außerdem am Mittwoch, 18. März, um 10 Uhr die Aktion "Mit voller Kraft in die Teilzeitausbildung." Die Anregung dazu ging von der Stadt aus, sagt Geschäftsführer Wolfgang Eck, der sich von der Veranstaltung einiges verspricht. "Wir hoffen, hier 10 bis 20 Verträge abschließen zu können."
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