Glauben an Respekt und Würde

Auf enormes Interesse stieß der Ethiktag am Klinikum, der sich diesmal mit Religionsfragen befasste. Bild: Wilck

Unterschiedliche Religionen bringen unterschiedliche Rituale und Gesetze mit sich. Was können Ärzte und Pflegepersonal tun, um trotzdem jedem gerecht zu werden? Antworten brachte der Ethiktag am Klinikum.

Die alte Frau lag im Sterben. Einen Wunsch hatte sie noch: Sie bat um einen Rosenkranz. Die zwei Krankenschwestern des Münchener Klinikums, in dem die Frau war, wussten jedoch nicht, was sie damit meinte. Aber die beiden waren ehrlich bemüht. Also holten sie aus dem Klinikgarten einige Rosen, legten sie der alten Dame in die Hände. Erst die erstaunten Angehörigen wiesen dann, als sie die Blumen sahen, darauf hin, worum es der Sterbenden wirklich gegangen war. Mangelnde Kenntnis der christlichen Religion und ihrer Rituale hatte es unmöglich gemacht, den Wunsch zu erfüllen.

Rund 200 Besucher

Norbert Matscheko, Akademiedirektor der Bayerischen Pflegeakademie, berichtete beim 5. Ethiktag am Klinikum von diesem aktuellen Fall. Wobei solche Vorkommnisse eher die Ausnahme sind. Für gewöhnlich kann man an bayerischen Kliniken erwarten, dass zumindest Grundkenntnisse der christlichen Religion vorhanden sind. Deutlich schwieriger wird es für Ärzte und Pflegekräfte, wenn Patienten dem Islam oder dem Judentum angehören. Deshalb hatte das veranstaltende Ethikkomitee der Kliniken Nordoberpfalz AG für den Tag auch die Überschrift "Altern, Pflegen und Sterben im Spiegel der Religionen" gewählt. Und damit einen Nerv getroffen. An die 200 Zuhörer interessierten sich dafür, das Thema aus den Blickwinkeln von Christentum, Islam und Judentum beleuchtet zu bekommen.

Stadträtin Dr. Sema Tasali-Stoll - sie vertrat Schirmherr Oberbürgermeister Kurt Seggewiß - betonte dabei ebenso wie Pflegedirektor Thomas Baldauf und Ärztlicher Direktor Dr. Thomas Egginger den Kommunikationsbedarf zwischen Religionsvertretern und medizinischem Personal. Pflegekräfte und Ärzte müssten über Religionsregeln informiert und entsprechend ausgebildet werden. Dr. Manfred Hausel, Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees (KEK), betonte: "Das Sprechen miteinander fördert Wissen und Verständnis." Immer wieder komme es vor, dass Unkenntnis von religiösen Gesetzen oder Ritualen Probleme mache.

Alte Menschen achten

Aykan Inan, stellvertretender Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Union, und Rabbiner Josef Chaim Bloch aus Regensburg (Mitglied der orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland) stellten anschließend eindrücklich zahlreiche religiöse Regeln vor. Für das Christentum referierte Barbara Bock, Seelsorgerin am Klinikum St. Marien in Amberg. Dabei wurden zwei Gemeinsamkeiten der drei Religionen deutlich: Grundlegend für den Umgang mit Alten und Kranken seien der Respekt und Wahrung der Würde. Und: Alle drei Religionen achten die Eltern, die alten Menschen sehr hoch.

Seelsorgerin Bock sagte, dass sie oftmals von alten Menschen höre, man wolle den Angehörigen nicht zur Last fallen. Das Alter, der geschwächte Zustand werde als Belästigung für andere empfunden. Familiensysteme funktionierten nicht mehr so wie früher, jedoch würden auch heute noch 70 Prozent daheim versorgt. Für Angehörige sei es heute aufgrund der nötigen beruflichen Flexibilität häufig unmöglich, die Pflege zu übernehmen. Alte Menschen seien neben den Pflegediensten auf Nachbarschaftshilfe und die Unterstützung durch die Pfarrgemeinden angewiesen.

Bloch und Inan erklärten, dass man die Regeln der jeweiligen Religion jederzeit in Informationsveranstaltungen oder durch gezieltes Nachfragen erfahren könne. Wenn ein Jude oder ein Moslem im Krankenhaus im Sterben liege, solle immer auch umgehend die jüdische beziehungsweise muslimische Gemeinde informiert werden. Grundlegend sei, dem Sterbenden und dem Toten Respekt entgegenzubringen, ihm und den Angehörigen Ruhe zu gewähren, den Abschied und die Trauer in Würde zu ermöglichen.

Organspende erlaubt

In der abschließenden Diskussion kam unter anderem die Frage nach Organspenden auf. Während das Christentum diese als Akt der Nächstenliebe wertet, verbot sie der Islam nach einer alten Auffassung, da der Körper des Menschen Gott allein gehöre. Nach moderner Auslegung ist die Organspende im Islam jedoch erlaubt, denn: "Es kann ein Mensch durch die gute Tat gerettet werden." Im Judentum ist es ein wichtiges Gebot, Leben zu retten. Jedoch darf dies nicht auf Kosten eines anderen, also durch dessen Lebensende geschehen. Die Lebendspende, etwa einer Niere, sei jedoch erlaubt und sogar hoch angesehen.
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