Grenzenlose Trauer

Es mag ja sein, dass die Inschrift auf dem verwitterten Holzkreuz nur mit einem Textmarker geschrieben ist. Aber das Erika-Stöckerl, das davor im nassen Gras steht, das ist frisch. Keine Frage: An Paul (alle Namen geändert) wird noch gedacht. Auch wenn er nicht reich war.

(ca) Auf dem Waldfriedhof liegen sie alle beieinander, unter den Blätterdächern der hohen Bäume. Die Armen der Stadt in den Reihengräbern. Die Reichen der Stadt in prachtvollen Gruften. Würdig ist beides.

Arbeitsintensiv

"Wenn ich mal sterb', dann grabt mich hier ein", hat neulich ein Trauergast bei einem Begräbnis gesagt. Das war das schönste Kompliment, das man dem Friedhofwärter und seinen Mitarbeitern machen kann. Gerade im Herbst wirbeln sie. Sprichwörtlich. Den Reiz des Waldfriedhofs machen die hohen Bäume aus, das leuchtende Laub. Nur macht die Pracht ganz schön Arbeit. Jetzt, vor Allerheiligen, pusten die Arbeiter mit Laubbläsern die welken Reste von Wegen und Platten.

Was zutage tritt, das rührt an. Es müssen Hunderte von weißen Porzellanengeln und kleinen Teddybären sein, die das große Doppelgrab für die totgeborenen Kinder des Klinikums Weiden bedecken. Die Inschrift: "Von guten Mächten wunderbar geborgen." Kurze Leben, lange Trauer. Bei den liebevoll gepflegten Kindergräbern am Zaun findet sich ein Stein aus den 1980er Jahren. Stefanie wurde nur drei Jahre alt, und noch immer wird ihr Grab besucht. Davon zeugen frische Blumen und weiße Kiesel, zu einem Herz gelegt.

Muslime gen Mekka

Drei Schritte weiter sind die Gräber schräg ausgerichtet. Mit Blick nach Mekka. Hier haben Weidener Muslime ihre letzte Ruhe gefunden. Es sind nicht viele, vielleicht ein halbes Dutzend Grabstellen. Muslime lassen ihre Toten meist in die alte Heimat transportieren. Wer dennoch bleibt, ist selbst im Tod perfekt integriert: "Im Namen Allah", sagt die Gravur und daneben liegt ein Herz mit der Aufschrift "Wir vermissen Dich".

Das alles ist möglich auf dem städtischen Waldfriedhof, der zwar eine strenge Satzung hat, aber in dieser Satzung Vielfalt zulässt. Eine Besonderheit ist auch das Feld mit Marterln, das ein wenig an Südtirol erinnert: Holzkreuze mit einem Dach, das geschnitzten Christusfiguren Schutz spendet. Das alles ist tröstlich und gut so: "Für die Liebe gibt es keine Grenzen." In jeder Hinsicht.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.