Große Macht, was nun?

Es ist viel zu früh, die USA abzuschreiben.

Ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten Krieges scheint der einstige Hegemon USA zu taumeln. Für einen Abgesang ist es jedoch viel zu früh, argumentiert Politikwissenschaftler Stephan Bierling. Gründe für diese Prognose findet er viele.

Die Hoffnung ist jetzt auch schon in die Jahre gekommen. Was waren das doch für Visionen, Träume, Allbessermachtsfantasien, die den Amtsantritt von Barack Obama weltweit begleiteten. Nun, nicht mehr allzu viele Monate vor seinem Auszug aus dem Weißen Haus, darf man auch dem US-Präsidenten selbst unterstellen, einigermaßen desillusioniert zu sein. Zumindest das hätte er dann mit seinen Landsleuten gemein, die ansonsten nur mehr wenig mit Obama übereinstimmen: Auch sie sind frustriert von der Außenpolitik. Die USA sollten sich stattdessen mehr um sich selbst kümmern, fordern sie laut Umfragen. Der Riese betreibt Nabelschau. Dämmert da schon der Niedergang der Großmacht aus dem Westen?

Eine gute Nachricht?

Nein, sagt Professor Dr. Stephan Bierling. In einem Vortrag für den Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing gibt er einen Rückblick auf die Zeit der amerikanischen Hegemonie und formuliert eine vorläufige Bilanz der Amtszeit Obamas. Vor allem aber zählt er Argumente auf, warum die Vereinigten Staaten noch lange eine herausragende Stellung in der Weltpolitik einnehmen dürften. Und warum das eine gute Nachricht sein könnte.

Bierling hat den Lehrstuhl für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen an der Universität Regensburg inne. Daneben absolvierte er Gastprofessuren im Ausland, unter anderem in den USA. In jenem Staat also, der sich mit dem Ende des Kalten Krieges in "einer Ausnahmesituation in der Weltpolitik" wiederfindet, wie der Politikwissenschaftler erklärt. Ohne die Sowjetunion sind die Vereinigten Staaten unversehens die einzig verbliebene Supermacht.

Eigentlich sollte so eine Übermacht anderen Staaten Sorgen bereiten, Gegenkoalitionen provozieren. Nicht aber in den 1990er Jahren. Eben weil Bush der Ältere und Clinton, die damaligen Präsidenten, außenpolitisch Zurückhaltung üben, andere Staaten einbinden, wirkt die Überlegenheit - wirtschaftlich wie militärisch - wenig bedrohlich. "In gewissem Sinne war das die goldene Zeit für die amerikanische Vormachtstellung", formuliert Bierling. Sie endet am 11. September 2001.

"Danach kommt Amerika auf einmal mit voller Macht in die Weltpolitik zurück." Aus dem Schock heraus, den die Anschläge brachten, überhebt sich die Regierung von George W. Bush. Sie entwickelt Allmachtsfantasien, lässt die Muskeln spielen, setzt notfalls auf Alleingänge - und stößt andere vor den Kopf. Das schwächt nicht nur die amerikanische Stellung auf der Weltbühne. Nach immensen Schwierigkeiten im Irak, nach Problemen in Afghanistan hat auch die US-Bevölkerung genug davon. Sie entscheidet sich bei den Präsidentschaftswahlen für den Kandidaten, der am weitesten von Bush entfernt zu sein scheint: Obama.

Eingeholt von Krisen

Der Neue vollzieht denn auch eine Kehrtwende. Zumindest in seinen großen Reden. Er wolle sich um Innenpolitik bemühen und Lasten außerhalb reduzieren, sagt er. Er werde sich für weniger Atomwaffen und mehr Klimaschutz einsetzen. Er werde das Image der USA reparieren und anderen Staaten die Hand reichen. Klingt nach den 90ern. Obama weckt damit größte Hoffnungen. Und, Stand heute, enttäuscht in vielem. "Er kann viele seiner Versprechen nicht halten", bilanziert Bierling.

Denn auch ein Obama kann nicht losgelöst von den Realitäten handeln. Zu Hause holt ihn die Wirtschaftskrise ein, dazu muss er die "Tea Party" samt Haushaltsverhandlungen stemmen. In der Außenpolitik erbt er von Bush Kriege, die auch nach seinem Amtsantritt blutig und kompliziert bleiben. Und es kommen neue Krisen hinzu. Die zunehmenden Spannungen mit Russland etwa. Oder der Vormarsch des "Islamischen Staates". Kurz: Obama wollte Visionen verwirklichen und die Welt ansonsten mehr aus dem Hintergrund führen. Aber, so Bierling: "Im Letzten gelingt es ihm nicht, sich aus den vielen Konflikten herauszuhalten."

Verwickelt und getrieben - "Amerika scheint Anfang 2015 also im Torkeln zu sein", hält Bierling fest. Und trotzdem spreche einiges dafür, dass "es zu früh ist, die USA abzuschreiben". Ein Grund für diese These findet sich auf der Landkarte: China beispielsweise hat 16 Nachbarstaaten. Sie verfolgen den Aufstieg Pekings überwiegend skeptisch und könnten notfalls versuchen, sich gemeinsam gegen den Emporkömmling zu stellen. Die Vereinigten Staaten dagegen haben nur zwei Nachbarn, mit denen sie freundschaftliche Beziehungen pflegen. Ansonsten an den Grenzen: Ozeane. Die USA schrecken also niemanden in unmittelbarer Nähe ab und müssen sich nicht um andere vor der Haustüre kümmern. Weiterer Grund: die US-Militärmacht. China mag aufholen, noch immer sind die Ausgaben der USA in diesem Bereich aber um ein Vielfaches höher, vom technologischen Vorsprung ganz zu schweigen.

Fragwürdige Freunde

Hinzu kommt, die USA haben viele Verbündete in der Welt. Die Partner von Rivalen wie China oder Russland dagegen sind wenige - und teils fragwürdige Freunde wie Nordkorea. Überhaupt, die Anziehungskraft Amerikas wirkt nicht nur auf Staaten, sondern auch auf Menschen, auf Talente: "Sie sind nach wie vor Zielland der klügsten Köpfe des Planeten." Die Bevölkerung wächst, gleichzeitig gibt es dank neuer Techniken wie dem umstrittenen Fracking einen Boom bei der Förderung von Öl und Gas: All das dürfte laut Bierling mit dazu beitragen, dass Amerika die führende Wirtschaftsmacht bleibt.

Die USA könnten also weiter ganz oben stehen. Und sie werden das, prognostiziert Bierling, auch in der Welt nutzen. "Amerika hat im Letzten so etwas wie ein Sendungsbewusstsein." Die Bürger bilden "kein Volk, das gerne zuschaut, wenn irgendwo schreckliche Dinge passieren". Es sei also zu erwarten, dass die USA trotz derzeitiger Resignation bald auch wieder aktiv werden, wenn es um Frieden, um Menschenrechte gehe.

Yankee, bleib doch

In Europa mögen solche Sätze für einige nach den Bush-Jahren kaum Wohlklang bergen. Bierling dagegen hält zumindest grundsätzliche Amerika-Skepsis für falsch. Das zeige auch der aktuelle Zustand der Welt. Rund um den Globus sei es nicht unbedingt sicherer geworden, seit die USA keine so große Führungsrolle einnehmen wollten - oder konnten. Deshalb wünschten sich heute sogar viele europäische Regierungen, die während des Irak-Krieges noch überaus kritisch waren, wieder eine aktivere Rolle der USA. Statt Yankee go home heiße es inzwischen: Yankee, bleib doch. Es sieht so aus, als würde sich der Wunsch erfüllen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Koalition (5296)Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.