Großer Schnitt für Menschheit

Heute können Chirurgen heute auf modernste Technik bauen. Bild: ske

125 Jahre Klinikum Weiden: Die Geschichte des Weidener Krankenhauses spiegelt sich auch in der Entwicklung der Chirurgie. Längst vorbei die Zeiten, als noch "Bader" das Messer ansetzten - Operateure ohne chirurgische Ausbildung.

Die medizinische Versorgung 1889 lässt sich mit dem heutigen medizinischen Niveau kaum mehr vergleichen. Damals wie heute gab es dagegen den Versorgungsbedarf, die Angst der Menschen vor Krankheit und das Bemühen von Ärzten und Pflegenden um das Wohl der Patienten. In den 125 Jahren haben sich im Weidener Krankenhaus nicht nur bauliche Gegebenheiten stark verändert, sondern auch Behandlungsmethoden. Prof. Dr. Karl-Heinz Dietl, Chefarzt und Chirurg der Kliniken AG, schildert die enorme Entwicklung.

Vor rund 125 Jahren begann demnach die Erfolgsgeschichte der Chirurgie, vollführte sie den Sprung von der "Bader-Versorgung" hin zur modernen Medizin. Mit neuartigen Operationsmethoden waren erste großartige Erfolge zu verzeichnen, jedoch kam es auch immer wieder zu herben Rückschlägen. Es wuchs das Bewusstsein, dass die Chirurgie in die Gesamtmedizin eingebettet sein muss.

Patienten wurden anfangs noch von "Badern" ohne chirurgische Ausbildung operiert: Der Bader - eigentlich ein Frisör - verfügte über scharfe Messer und hohe Fingerfertigkeit. Einfache medizinische Kenntnisse hatte er durch die Kriegschirurgie in den Feldlazaretten erworben. Trotz aller Unzulänglichkeiten rettete er vielen Menschen das Leben. Mit einfachen Mitteln, die jedoch meist sehr effektiv waren, nahm er Amputationen vor. Den Badern gelang das Kunststück, die nach einer Amputation verbliebenen Stümpfe belastbar zu machen. Sie amputierten nicht nur - ihre Aufgabe war es auch, Abszesse zu öffnen.

Hygiene immer wichtiger

Ende des 19. Jahrhunderts setzte die Entwicklung zur modernen Chirurgie ein. Man wurde sich bewusst, dass Hygiene von großer Bedeutung war, um Infektionen zu vermeiden. Man versuchte, die Hände durch Waschen mit Karbolsäure zu desinfizieren. Diese Säure war lange Zeit auch das einzig verfügbare Mittel gegen Wundinfektionen. Der Mediziner und Mikrobiologe Robert Koch beschrieb als erster die Rolle eines Erregers bei der Entstehung einer Krankheit. 1903 führte Prof. Conrad Ramstett an der Raphaelsklinik Münster die erste Operation durch, bei der der Patient eine Äthernarkose erhielt.

Viele Behandlungstechniken waren Zufallsergebnisse, die kultiviert worden waren. "Trial an error", Versuch und Irrtum, führten nach und nach zu wirksamen Operationstechniken. OP-Instrumente wurden lange Zeit von den Operateuren selbst gefertigt, sie hantierten beispielsweise mit einem "spitz-stumpfen Gegenstand". Langsam entwickelte sich die Bader-Chirurgie zur modernen Chirurgie weiter, Operateure arbeiteten zunehmend Hand in Hand mit den anderen Medizinern.

Die Chirurgie gliederte sich nach und nach in Einzeldisziplinen wie Neuro-, Thorax, Gefäß- oder Unfallchirurgie, parallel dazu wirkten die einzelnen medizinischen Disziplinen immer stärker zusammen. Es wuchs die Einsicht, dass der Patient nicht nur partiell behandelt, sondern in seiner Gesamtheit versorgt werden muss. Heute ist das Zusammenwirken von Anästhesie, Gastroenterologie, Onkologie, Pathologie, Strahlentherapie, Radiologie, Interventioneller Radiologie und Labor selbstverständlicher Standard. Ärzte bilden jetzt, im Gegensatz zum ausgehenden 19. Jahrhundert, ein Team aus kommunizierenden Spezialisten. Das medizinische Wissen verdoppelt sich jeweils nach drei Jahren, Mediziner sind einem hohen Qualifizierungsdruck ausgesetzt, um der Entwicklung zum Wohl der Patienten folgen zu können.

Zunehmend arbeiten sie interdisziplinär zusammen. An früher tödlich verlaufenden Krankheiten sterben heute weitaus weniger Patienten. Beispielsweise ist ein Schilddrüsenkarzinom aufgrund der hervorragend entwickelten Behandlungstechnik in 98 Prozent aller Fälle heilbar. Erst durch die zunehmende Forschung, das Zusammenwirken der ärztlichen Disziplinen konnte die einst von Prof. Theodor Kocher ("Hintergrund") entwickelte Operationsmethode zu einem umfassenden Erfolg führen. "Die Methode unterscheidet sich heute eklatant von der Prof. Kochers, jedoch gäbe es ohne die Arbeit Prof. Kochers keine moderne Chirurgie", betont Prof. Dietl.

Blinddarm: Kleiner Schnitt

Die Operationstechniken machen rasante und unaufhörliche Fortschritte. Waren frührer klassische Operationen üblich, wird heute häufig interventionell-radiologisch behandelt. Vieles muss nicht mehr operiert, sondern kann mit neuen, schonenden Methoden behandelt werden. Beispiel: Einen entzündeten Wurmfortsatz (umgangssprachlich "Blinddarm") müssen Ärzte heute nicht mehr mit einem Bauchschnitt operieren, er kann "minimalinvasiv-laperoskopisch" entfernt werden. Mit nur einem sehr kleinen Schnitt können sie den entzündeten Wurmfortsatz herausoperieren, die Methode ist für den Patienten deutlich angenehmer.

"Heute arbeiten wir Chirurgen mit einer Uhrmacher-Präzision", sagt Dietl. "Früher war die Arbeit der Ärzte eher ein grobes Handwerk."
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