Gut leben, verschuldet sterben

Die gute Nachricht ist auf einen Blick zu erkennen: Der Pleitegeier kreist zwar, aber er befindet sich im Sinkflug. Gerade Unternehmen in Weiden und den Landkreisen Neustadt und Tirschenreuth gehen seltener insolvent.

So eine Rarität wie der Schwarzstorch ist der Pleitegeier in der Region noch nicht. Aber er kreist seltener über den Firmen und Verbrauchern. Dafür wird er zunehmend zum Problem für Erben: Denn Schulden sterben nicht.

Ein schickes Haus und ein fettes Bankkonto: Erbschaften sehen heutzutage immer häufiger ganz anders aus, weiß Rechtspflegerin Heike Kuchenbecker mit geschultem Blick auf die Statistik der Unternehmensinsolvenzen im Amtsgerichtsbezirk Weiden. Er umfasst die Stadt Weiden sowie die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth. Hier zeigt sich: Mehr Menschen leben ganz gut - und sterben hoch verschuldet.

Firmen halten sich gut

"Da liegen zwar etwa 5000 Euro auf dem Bankkonto", weiß Kuchenbecker. Obendrein warte aber nicht selten die Verantwortung für baufällige Häuser und die Zinsen für ein Darlehen. Diese Negativposten wollen die Erben aber nicht geschenkt. Innerhalb von sechs Wochen müssen sie dann handeln: Sie schlagen den Nachlass aus, der Fiskus erbt. Die Arbeit fürs Gericht beginnt. Gläubiger wollen schließlich befriedigt werden. Also eröffnet das Amtsgericht auf Antrag ein sogenanntes Nachlassinsolvenzverfahren. "Davon haben wir immer mehr zu bearbeiten", sagt Rechtspflegerin Heike Kuchenbecker.

Formal versteckt sich die Zahl der Nachlassinsolvenzen in den Unternehmensinsolvenzen. Letztere sind im Amtsgerichtsbezirk Weiden "deutlich zurückgegangen". Der Pleiten-Boom von 2005 mit 254 Unternehmensinsolvenzen ist vorbei. 2014 pendelten sich die Zahlen bei 74 ein. Und das, obwohl im Vorjahr noch 135 Firmen einen Antrag auf Insolvenz stellten. Allerdings wurden nur 51 davon eröffnet. Eine große Diskrepanz, die die Rechtspflegerin so erklärt: "Vieles wird mangels Masse abgelehnt." Sprich: Es gibt nichts zu holen. "Oder der Antrag dient dazu, den Schuldner unter Druck zu setzen und ihn so zur Zahlung zu bewegen", weiß Heike Kuchenbecker. Die erfreulich niedrige Zahl von 2014 weist vor allem auf eines hin: Die wirtschaftliche Lage ist - nach der "Bereinigung" des Marktes um zahlreiche finanzklamme Firmen seit 2003 - im Amtsgerichtsbezirk für Unternehmen derzeit nicht schlecht.

Pleite - aber richtig

Auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen sank im Vergleich zum traurigen Rekordhoch von 354 Privatpleiten im Jahr 2006. Allerdings bei weitem nicht so eklatant wie bei den Firmen. 2014 bearbeiteten die Rechtspfleger am Amtsgericht 230 Verbraucherinsolvenzen. Das sind wiederum 42 weniger als noch ein Jahr zuvor.

Erwartet hatte Heike Kuchenbecker nach der Reform des privaten Insolvenzrechts - die Restschuldbefreiung kann bereits nach drei oder fünf Jahren erreicht werden, wenn der Schuldner Teilzahlungen leistet - einen viel größeren Rückgang. Haben sich die neuen Vorteile nicht herumgesprochen? "Vielleicht", meint Kuchenbecker. Vermutlich sei aber das Hauptproblem, dass die meisten Privatleute, die pleite sind, auch wirklich keinen Cent mehr haben: "Die Mehrheit kann nicht mal die Verfahrenskosten decken."
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