Gute Nachbarn, gute Kunden

Der Stadtmarketingverein "Pro Weiden" mit Geschäftsführerin Andrea Schild-Janker bemüht sich schon lange um tschechische Kunden. Dass er damit an einem immensen Potenzial rührt und offenbar schon einige Erfolge erzielt hat, bestätigt nun eine Studie der IHK, die als Vertreter der Kammer Dr. Matthias Segerer (von links), Martin Stangl, Dr. Reinhard Rieger und Florian Rieder vorstellten. Bild: Götz

Ein Weiden-Besucher, der nicht nur gerne in die WTW geht, sondern auch Fan der Innenstadt ist und in den Geschäften dort eine Menge Geld lässt? Solche Kunden dürften vielen Händlern gefallen. Und es gibt sie tatsächlich: Laut einer IHK-Studie trifft genau das auf Tschechen zu. Dahinter steckt ein enormes Potenzial für die Wirtschaft - wenn sie es denn nutzt.

Das Klischee vom armen Nachbarn, zu dem vor allem die Deutschen zum Zigarettenkaufen fahren, ist längst überholt. Inzwischen sind Kunden aus Tschechien zu einem immensen Wirtschaftsfaktor für die nördliche Oberpfalz geworden. Sie sind verantwortlich für 31 Millionen Euro, die jährlich dem Einzelhandel in Weiden sowie den Kreisen Neustadt (vor allem Waidhaus und Vohenstrauß) und Tirschenreuth zufließen. Mehr als 13 Millionen davon bleiben allein in der Max-Reger-Stadt, die damit im Bezirk - nach dem Kreis Cham - am meisten von den Kunden jenseits der Grenze profitiert. Weiden ist Einkaufsparadies - zumindest aus tschechischer Perspektive.

Fast jeder Zweite kommt

Das geht aus einer Studie der IHK Regensburg hervor. Sie hat dafür 500 Haushalte in der Region Pilsen befragt, Experten gehört, tschechische Kunden in der Oberpfalz interviewt - und Empfehlungen erarbeitet. Was dabei unter dem Titel "Tschechische Kunden - Chancen für Handel und Tourismus" herausgekommen ist, stellte die IHK in der Buchhandlung "Stangl & Taubald" vor.

Demnach gaben rund 46 Prozent der Haushalte an, mindestens einmal im Jahr in Bayern einzukaufen oder ihre Freizeit hier zu verbringen. Rein rechnerisch gab jeder dieser Besucher mehr als 450 Euro pro Jahr im Oberpfälzer Einzelhandel aus, erläutert Dr. Matthias Segerer von der IHK. Zu ihnen zählen vor allem Jüngere, die in Haushalten mit mehr als drei Personen leben und über ein relativ hohes Einkommen verfügen.

Diejenigen, die kommen, überzeugt vor allem das Angebot im Handel: Für 62 Prozent ist Einkaufen der Hauptgrund - insbesondere die Qualität und die Preise sind offenbar attraktiv. Aber auch Oberpfälzer Freizeitangebote ziehen (20 Prozent).

Wobei für tschechische Kunden Oberpfalz nicht gleich Oberpfalz ist: Während sie Waldsassen zum Beispiel für Drogerie- und Lebensmitteleinkäufe ansteuern, sind es in Weiden auch Kleidung und Schuhe, warum Tschechen mitunter auch weitere Wege auf sich nehmen. Und: Die Nachbarn sind offenbar Fans der Innenstadt. 91 Prozent der Weiden-Besucher geben an, die "gute Stube" der Stadt zu besuchen. Daneben sind sie auch gerne auf Festen und Märkten. All das lockt laut IHK Besucher bis aus Prag. Weshalb das Urteil für Weiden auch schmeichelhaft ausfällt: "Das Einzelhandels- und Freizeitangebot strahlt deutlich überregional", sagt Segerer.

So weit - so positiv. Die IHK stellte aber auch die Frage, wie sich die 54 Prozent der Westböhmen ansprechen lassen, die noch nicht regelmäßig in die Oberpfalz kommen - und noch einmal einen deutlichen Schub für Handel und Tourismus bringen könnten. Für den Geschäftsführer der Kammer, Dr. Reinhard Rieger, sind dafür vor allem drei Akteure entscheidend, die zu diesem Zweck zusammenarbeiten müssen: Unternehmen, Kommunen und Tourismus/Stadtmarketing. Gemeinsam müsse es ihnen gelingen, eine Willkommenskultur zu schaffen. Denn die tschechischen Kunden "wollen als Gäste wahrgenommen werden".

Daran mag es früher noch gehapert haben - angefangen bei fehlenden Sprachkenntnissen auf deutscher Seite bis hin zum Umstand, dass lange Zeit in Geschäften "das einzige Schild auf Tschechisch das war, das sagt, dass Ladendiebstahl bestraft wird", wie es Segerer plakativ formuliert. Aber: Das ändere sich schon seit einiger Zeit - und müsse noch weiter gehen. Etwa durch verstärkten kulturellen Austausch, Beschilderung in tschechischer Sprache oder durch deutsches Personal, das zumindest ein wenig Tschechisch spricht. Und durch Akzeptanz tschechischer Kreditkarten.

"Ein Wirtschaftsraum"

Gemeinsam sollte laut Rieger aber auch an Kommunikation und Marketing gearbeitet werden. Das bedeute unter anderem, die Bewerbung Ostbayerns im Internet zu verbessern. Die in Tschechien beliebten Kombi-Angebote (etwa für Freizeit- und Einkaufsangebote gemeinsam) auszubauen. Mehr auf die tschechischen Feiertage zu achten, an denen in der Oberpfalz verkaufsoffen ist. Oder die Erreichbarkeit durch bessere Verkehrsanbindung und die Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern im Nachbarland zu verbessern. Letztlich geht es um eines, das in der Realität längst zu beobachten, aber noch nicht bei jedem ins Bewusstsein gedrungen ist: "Westböhmen und die Oberpfalz sind eigentlich ein gemeinsamer Wirtschaftsraum."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.ihk-regensburg.de/content/260215a
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