Haji Alem Muhammad war einst Mudschahed - Heute baut er mit der "Kinderhilfe Afghanistan" ...
Der lächelnde Kämpfer

Haji Alem Muhammad. Bild: fku
Tief und weit haben sie sich in das Gesicht eingegraben. Die Lachfalten, sie sind es, die als erstes auffallen an Haji Alem Muhammad, 50 Jahre alt, unscheinbare Statur. Auch an diesem Abend lächelt Alem oft, bevor er vom Krieg erzählt. Vom Morden, das auch seine Angehörigen nicht verschonte. Das sein Land, Afghanistan, verheerte.

Alem, der aus der Hauptstadt Kabul stammt, ist einer der wichtigsten Mitstreiter der "Kinderhilfe Afghanistan". Mit der Organisation setzen sich der Oberpfälzer Arzt Dr. Reinhard Erös und dessen Familie im Osten des Landes vor allem für bessere Bildung ein. Als Direktor ist Alem auf afghanischer Seite verantwortlich für die Projekte der "Kinderhilfe" in vier Provinzen, hat den Aufbau zahlreicher Schulen gemanagt.

An diesem Abend ist er zusammen mit Erös zu einem Vortrag nach Weiden gekommen. Im Anschluss hilft er, Bücher und Schmuck zugunsten der Organisation zu verkaufen. Der Umsatz mag für deutsche Verhältnisse ganz nett sein. In Afghanistan entspräche das Geld, das Alem am Ende verstaut, dem Vielfachen eines Monatslohnes.

Der 50-Jährige lächelt. Ach, sagt er, es gebe auch sonst so viele Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern. Wobei die nicht immer so groß waren. "Afghanistan war ein wunderschönes Land." Bis die Sowjets 1979 kamen. Der Krieg "hat alles zerstört - Menschen, Kultur, Bildung". Nicht nur Leben, sondern auch Geisteshaltung. Einfach alles. "Und das ist auch der Grund der Probleme heute."

Freunde im Krieg

Alem kämpfte in jener Zeit als Mudschahed gegen die sowjetischen Truppen. Damals war er auch Assistent und Ansprechpartner für einen deutschen Mediziner, der im Osten Afghanistans Krankenstationen betrieb: Reinhard Erös. Die beiden wurden Freunde, auch wenn sich ihre Wege in den Wirren nach Ende des Krieges 1989 wieder trennten. Alem floh vor den Taliban, die nun die Herrschaft an sich gerissen hatten. Im pakistanischen Exil, wo der Afghane in elenden Bedingungen hauste, traf Erös ihn schließlich wieder - der Beginn der Zusammenarbeit in der 1998 gegründeten "Kinderhilfe".

Die Organisation selbst mag viel bewegt haben seither. Vom Militäreinsatz des Westens, der wenige Jahre später folgte, ist Alem inzwischen vollends desillusioniert. "Fast die ganze Welt ist in Afghanistan, um Frieden und Sicherheit zu bringen." Aber daran mangle es noch immer. Die Militärs seien ohne irgendeinen Plan eingerückt, ohne zu wissen, wie die grundlegenden Probleme des Landes zu lösen seien. Ohne zu wissen, wie das Land funktioniert, in dem die Großfamilie der erste und wichtigste Bezugspunkt sei. In dem deshalb jeder Zivilist, der als "Kollateralschaden" von westlichen Waffen zerfetzt wurde, eine Vielzahl von Verwandten hat, die Hass verspürten und die Pflicht, den Tod zu sühnen.

Gäste mit Waffen

Die Afghanen seien zwar sehr gastfreundlich, berichtet Alem. Aber eben nicht mehr, wenn sich zeige, dass der Gast bewaffnet gekommen ist und seine Waffen auch gegen den Gastgeber nutzt. Die Soldaten müssten deshalb das Land wieder verlassen. "Keine Truppen, kein Blut", sagt er. Auch das Geld des Westens komme fast nicht bei den Armen an, sondern lande bei einigen Wenigen. Gut gemeint, mit Unkenntnis verteilt. Wer aber als Afghane auch deshalb nicht wisse, wie er seine Kinder ernähren könne, der werde mitunter schwach angesichts der 300 Dollar monatlich, die Anführer der Taliban ihren Kämpfern zahlen. "Wenn wir Jobs hätten - das Problem mit dem Terrorismus wäre weg."

Die "Kinderhilfe" versucht, diesen Teufelskreis mit Bildung zu durchbrechen. Erös, erklärt Alem, habe damit schon viel erreicht: "Als Afghane bin ich stolz auf ihn und seine Familie." Über seinen eigenen Beitrag verliert der 50-Jährige kein Wort. Er schweigt. Und lächelt.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/afghanistan
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