Helden mit roten Nasen

Die neunjährige Eva Feneis ist anfangs noch etwas schüchtern, als "Dr." Beppo voller Inbrunst "Atemlos" trällert. Weil der Auftritt überzeugt, lässt das Mädchen, das kurzerhand zum Jurymitglied einer imaginären Castingshow erkoren wurde, den Clown in den Recall. Bilder: Hartl (3)

"Dr." Beppo findet es unglaublich beglückend, wenn es ihm gelingt bei seiner Visite eine andere Atmosphäre ins Patientenzimmer zu zaubern. Dafür braucht er Dutzende Luftballons und eine große Portion Mitgefühl.

"Dr." Beppo heißt eigentlich Stefan Drücke, kommt aus Erlangen und ist Schauspieler. Er spielte unter anderem in der Jugendserie "Endlich Samstag!" in der ARD mit. Als Klinik-Clown arbeitet er bereits sechs Jahre. Seine Kollegin nennt sich "Dr." Trudi Eierfleck, wenn sie sich in buntkarierten Hose durch die Krankenhaus-Flure ulkt. Ihr richtiger Name ist Marie-Kristin Riehl. Sie ist Theaterpädagogin, gibt pädagogische Seminare, arbeitet in einem Blindeninstitut und ist seit fünf Jahren Klinik-Clown.

Chemie muss stimmen

Die beiden 48-Jährigen gehören dem Verein Klinik-Clowns an, der bayernweit agiert und dem über 60 Clowns angehören. Dreimal im Monat kommen "Dr." Beppo und "Dr." Trudi Eierfleck in die Kinder- und Jugendklinik in Weiden. Sie treten immer in derselben Konstellation an. Die Chemie zwischen den Clowns muss stimmen.

I-Pads als Konkurrenz

Innerhalb weniger Momente müssen die beiden die Stimmung erfassen. Nicht immer ist es angebracht, Unsinn zu treiben und blödelnd durchs Zimmer zu huschen. Manchmal müssen die Clowns auch einfach nur mal die Hand halten und trösten. Viel Empathie ist notwendig, um Situationen richtig zu erkennen. Ihr Publikum ist zwischen wenigen Monaten und 17 Jahre alt. Während die beiden bei Säuglingen viel mit Seifenblasen und Musik agieren, treten sie bei den Älteren in Konkurrenz mit I-Pads und Laptops.

Dr. Fritz Schneble, Chefarzt des Weidener Kinder- und Jugendklinikums, wählt den Begriff Kunst, wenn er über die Arbeit der Clowns spricht. Er lobt die Methoden. Ob sie bei der Visite nun die Teddybären der Mädchen und Buben untersuchen oder einen Rollenwechsel vornehmen und die Kinder Arzt sein dürfen - sie bringen Abwechslung in den Klinikalltag. Prinzipiell dürfen die Clowns laut Schneble zu allen Kindern. Es sei denn, die Eltern signalisieren, dass sie das nicht wünschen oder es medizinisch einfach nicht möglich ist.

Der Großteil der jungen Patienten freut sich über den unangekündigten Besuch. Manche Begegnungen bleiben unvergessen. "Dr." Eierfleck erzählt von ihrem berührendsten Erlebnis. Das hatte sie gemeinsam mit ihrem Partner "Dr." Beppo in Nürnberg. Beide spielten für ein "sehr ängstliches Kind". Mit der Zeit ist es immer entspannter geworden und hat während der Vorstellung eine Brezel gegessen. Im Anschluss verriet die Mutter mit Tränen in den Augen, dass das Kind das erste Mal seit vier Tagen wieder etwas gegessen habe. Aus diesem Grund durfte es an diesem Tag nach Hause.

Pressetermine sind die Klinik-Clowns gewohnt. Über sie gibt es tolle Geschichten zu erzählen. Nicht überall ist es aber sinnvoll, dass Reporter und Fotograf mit zu den Patienten gehen. Psychosomatische Fälle, also zum Beispiel Mädchen mit Essstörungen, bespielen sie lieber ohne Zeitung. Ist die Presse allerdings dabei, flicken die Clowns sie geschickt in ihre Vorstellung mit ein. So wie bei der Eva Feneis, die wegen Verdachts auf Blinddarmentzündung im Weidener Klinikum liegt. "Dr." Beppo stürmt ins Zimmer der Neunjährigen, schmettert "Atemlos, durch die Nacht" und erhofft sich, dass er dadurch eine Runde weiter kommt. Denn das Mädchen muss für die nächsten fünf Minuten in die Rolle der Jury schlüpfen. Der Clown stellt die Zeitungs-Fotografin als seine persönliche Fotografin vor. Das Klicken, Blitzen und Ablichten wirkt fortan nicht mehr befremdlich. Den Redakteur, der seine Beobachtungen auf einem Block notiert, erklärt er kurzerhand zum Manager. Nach einigen Textzeilen wechselt "Dr." Beppo ins Englische. Mit "Breathless trough the night" lässt ihn das Mädchen schließlich in den Recall.

Vierjähriger Ritter

Die Auftritte sind alle individuell. Die Clowns setzen bewusst Reize. Deshalb trägt "Dr." Beppo Dortmund-Stutzen. "Meine Schwiegermama ist BVB-Fan, ich muss die tragen. Außerdem bin ich ein relativ sportlicher Clown", sagt er schelmisch. Hintergrund ist, dass vor allem Buben sehr schnell auf die gelb-schwarzen Socken anspringen. Der Clown gewinnt mit ihnen schnell ihre Aufmerksamkeit.

Beim kleinen Vincent Frischholz ist das aber gar nicht nötig. Während sich "Dr." Eierfleck mehrmals einen unaufgeblasenen Luftballon auf die Hand schnalzt, klingt es so, als würde sich der vierjährige Bub gleich beim Lachen verschlucken. Trudi spricht von einem Regenwurmluftballon. "Regenwurmluftballon", wiederholt Vincent und zieht das O lange. Es klingt nach einem kindlichen "So etwas gibt es doch gar nicht", obwohl Vincent es nicht ausspricht.

Weil er mit dem Fahrrad gestürzt ist, blinkt sein linkes Auge violett-blau und das Gesicht ist aufgeschürft. "Dr." Beppo setzt dem Jungen seine Mütze auf, zwickt ihm einen Kunststoffbommel auf die Nase und sagt: "Ich will auch so eine coole Wunde." Die zwei Klinik-Clowns sind für den Vierjährigen Helden.

Spätestens als die beiden Vincent mit einem Luftballon-Schwert zum Ritter schlagen, haben sie das Herz des Jungen gewonnen. "Dr." Beppo und "Dr." Eierfleck verabschieden sich und betiteln Vincent mehrmals untertänigst mit "Euer Hochwohlgeboren". Sie verlassen das Patientenzimmer mit einer so tiefen Verbeugung, dass die roten Nasen den Boden berühren.
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