Hilferuf auf Schmierzettel

Symbolbild: dpa

Vier Wochen soll sich eine 28-Jährige in der Gewalt ihres Ex-Freundes befunden haben, geschlagen und vergewaltigt worden sein. In dieser Zeit hatte sie zwei Sitzungen bei einer Familientherapeutin - der Angeklagte saß dabei immer an ihrer Seite. Und trotzdem gelang es ihr, der Sozialarbeiterin einen Zettel zuzuschieben: "Er sperrt mich ein."

Weiden. (ca) Dieser Schmierzettel wurde am vorletzten Prozesstag gegen den 29-jährigen Weidener von Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf als Beweismittel eingeführt. Die 1. große Strafkammer hörte am Montag die letzten Zeugen im Prozess wegen Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung. Es sagten aus: die Familientherapeutin, der Polizeisachbearbeiter für häusliche Gewalt und Rechtsmediziner Dr. Peter Betz. Der Professor aus Erlangen ließ es an Deutlichkeit nicht mangeln: Er besah sich die alten Fotos von den Verletzungen der 28-Jährigen. "Das sind klassische Stockschläge." Betz setzte eine ganz erhebliche Schlagkraft voraus: "Da hat es richtig gekracht." Selbstbeibringung schloss er aus.

Hin- und hergekritzelt

Zunächst schilderte die Familientherapeutin (60), wie es zu dem Hilferuf auf dem Zettel kam, den sie eher zufällig aufgehoben hat. Das Opfer habe bei einem Termin eine kurze Gelegenheit genutzt, als der Angeklagte nicht im Raum, aber in Hörweite war. "Sie hat laut über Belangloses weitergesprochen", erinnerte sich die Familientherapeutin. Gleichzeitig habe sie das Blatt über den Tisch geschoben. Wortlaut: "Er sperrt mich ein. Habe kein Handy, er hat es. Jeden Anruf hört er mit. Er hat mich geschlagen, aber er darf nicht wissen, dass ich das erzähle."

Die Therapeutin kritzelte geistesgegenwärtig zurück: "Was soll ich veranlassen? Du musst diese Beziehung beenden." Die Geschädigte schrieb zurück: "Er lässt mich nicht gehen. Sollte ich einen Termin verpassen bei Ihnen, dann wissen Sie, wo ich bin." Dazu notierte sie die genaue Adresse in der Innenstadt.

Die Therapeutin unternahm nichts. "Ich hätte am liebsten die Polizei angerufen, aber ich darf ja nicht gegen ihren Willen." Ihr war die Problematik der fatalen On-Off-Beziehung zwischen den beiden seit Jahren bekannt. Sie kannte auch das Gewaltpotenzial des Angeklagten. Nach den letzten Übergriffen gegenüber der Weidenerin 2011 war er für zwei Jahre in Haft gewandert. "Ich habe ihr immer geraten, dass sie Abstand hält. Sie konnte selbst nicht benennen, warum sie sich nicht von ihm lösen konnte." Der Angeklagte habe - auch in sexueller Hinsicht - nie ein Nein akzeptiert. "Sie hatte massive Angst, dass er austickt."

Diese Angst schilderte auch Heribert Seidl, Gewaltschutzbeauftragter der Polizei. Erst beim dritten Termin habe sich die Geschädigte ihm schließlich anvertraut. Sie habe mit dem Finger auf die Einsatztasche seines Kollegen gezeigt, aus der ein Schlagstock ragte: "Einen solchen Tonfa habe er verwendet." Der Angeklagte habe sein Opfer auch immer wieder mit dem Tod bedroht. Er habe ihr eine Schusswaffe an den Kopf gehalten. Ein andermal nahm er mit dem Schürhaken Maß und kündigte an, ihr den Schädel zu spalten. "Einmal musste sie vor der Dusche knien, während er duschte. Als er fertig war, hat er sie aus der Dusche raus mit dem Fuß getreten." Seidl - mit 60 ein "alter Hase" - kann seine Emotionen kaum verbergen: "Meiner Meinung nach hat diese Frau das reinste Martyrium mitgemacht."

Verstört aus Wohnung

Am Montag sagten auch ein junger Polizist und seine noch jüngere Kollegin (22) aus, die am frühen Morgen des 12. Dezember nach dem Notruf der Nachbarn anrückten. Auf ihr Klingeln habe der Vater des Angeklagten geöffnet. "Da kam uns auch schon die Frau entgegen und lief an uns vorbei die Treppe hinunter." Erst auf der Straße ließ sich die Geschädigte bremsen. "Sie war verstört und verängstigt. Sie wolle da nimmer rauf", berichtete die Polizistin.

Am Freitag werden ab 9 Uhr die Plädoyers und gegen Mittag das Urteil erwartet.
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