"Ich gehe nicht mehr nach Hause"

"Die stationären Einrichtungen und Pflegestellen sind voll." Bärbel Otto, Jugendamtsleiterin

27 Kinder und Jugendliche hat das Jugendamt Weiden 2014 in Obhut genommen, weil sie daheim gefährdet erschienen. Das sind fast doppelt so viele wie 2013. Der Großteil davon meldete sich selbst mit den Worten: "Ich gehe nicht mehr nach Hause."

Weiden. (ps) Eine erschreckende Entwicklung, die Jugendamtschefin Bärbel Otto da im Jugendhilfeausschuss aufzeigte. Oder vielleicht doch eine erfreuliche? Denn offenbar ist die Bevölkerung wesentlich hellhöriger geworden. Die Zahl der Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Zuletzt von 70 im Jahr 2013 auf 112 (2014). Gleichzeitig stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die kurzfristig aus dem Elternhaus bzw. aus der Gefahrenzone herausgenommen wurden, von 14 auf 27. Betroffen waren Jungen und Mädchen im Alter von 0 bis 17 Jahren.

Zwischen einem Tag und drei Monaten dauerten diese Schutzmaßnahmen. Anschließend durften die Kinder entweder wieder nach Hause, weil keine Gefährdung mehr vorlag, oder - falls doch - wurden sie in einem Heim oder bei einer Pflegestelle untergebracht. Der Nebeneffekt laut Bärbel Otto: "Die stationären Einrichtungen und Pflegestellen sind voll."

Zugleich hat das Jugendamt die Ambulanten Hilfen ausgeweitet. In diesen Fällen betreuen freie Träger der Jugendhilfe die Jungen und Mädchen zu Hause, so dass diese in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. "Hier sind zwar nicht die Fallzahlen gestiegen, aber trotzdem die Kosten." 80 Prozent der Aufwendungen in der Jugendhilfe betreffen die Personalkosten, erklärte Bärbel Otto. Einsparungen würden somit durch steigende Lohnkosten gleich wieder zunichte gemacht. Größter Ausgabeposten ist die Betriebskostenförderung der Kindertagesstätten, wofür die Stadt 2014 knapp 6,7 Millionen Euro aufbringen musste. Die Hälfte der Ausgaben wird durch staatliche Förderung wieder ausgeglichen (der NT berichtete).

Kritik an Sparvorgaben

Ein anderes Dilemma von Einsparungen machte Bürgermeister Lothar Höher als Sitzungsleiter klar: "Jede freiwillige Leistung, die wir abbauen, schlägt später wieder bei uns auf." Gerade Gelder, die in die Jugendhilfe investiert werden, seien gut angelegt, weil sie hohe Folgekosten - beispielsweise für Heimunterbringung - verhindern könnten. Der Bezirkstagsvizepräsident übte im Zusammenhang mit den der Stadt verordneten Sparmaßnahmen auch Kritik an der Bezirksregierung: "Mancher Vorschlag, der von oben kommt, ist nicht unbedingt der beste."
Weitere Beiträge zu den Themen: Juli 2015 (8666)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.