"Ich wollte ja helfen"

Ein Weidener Soldat zieht in den Einsatz - gegen Ebola. Oberfeldwebel Jens Mroseck war einer der Freiwilligen, die für die Bundeswehr in Westafrika beim Kampf gegen die Epidemie halfen. Jetzt ist er zurück und erklärt, warum das alles eigentlich nur "eine selbstverständliche Sache" war.

Der Oberfeldwebel Jens Mroseck, der einfach nur helfen wollte, stammt aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Bis nach Bayern, sagt er mit einem Grinsen, war es schon ein großer Sprung. Im Freistaat, in Weiden, dient er inzwischen beim Artilleriebataillon 131. Ansonsten, erzählt Mroseck, war er schon einmal in Südtirol. Weiter weg habe es ihn in seinen 33 Jahren aber noch nicht verschlagen. Bis zum 27. Dezember jedenfalls nicht. Da steigt er bei Eis und Schnee und minus 7 Grad in ein Flugzeug. Als er schließlich an seinem Ziel ankommt, zeigt das Thermometer auch in der Nacht noch 27 Grad. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 95 Prozent, hier, in der liberianischen Hauptstadt Monrovia, wo seit Monaten Ebola grassiert. Der Oberfeldwebel Jens Mroseck ist froh, endlich da zu sein.

Einer von rund 100

Mroseck gehört zu den 3000, die sich meldeten, als das Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr nach Freiwilligen suchte. Sie sollten den Einsatz der Bundeswehr gegen die Ebola-Epidemie unterstützen, zu dem sich die Regierung nach einigem Zögern durchrang. Ausgewählt hat die Truppe letztlich nur einen Teil der vielen Interessenten. Wenn der Einsatz in diesen Tagen nun endet, werden es rund 100 gewesen sein.

Mroseck ist einer von ihnen, was vermutlich mit seiner Qualifikation zusammenhängt: Er hat zwar keine medizinische Ausbildung, dafür ist er Industriemeister für Elektrotechnik. Auch Strom braucht es für die Versorgung von Kranken. Schließlich betreibt die Bundeswehr zusammen mit dem Roten Kreuz in Monrovia eine "Ebola Treatment Unit" (ETU). Ein aus Zelten zusammengestelltes Ebola-Behandlungszentrum, das zur Triage und zur - einfachen - Behandlung Erkrankter dient. Vor allem soll es Patienten isolieren und helfen, die Infektionskette zu durchbrechen.

Start nach Weihnachten

Es ist Nacht, als Mroseck in Monrovia landet. Viel los ist nicht auf den Straßen der Millionenstadt. Wegen der Epidemie haben die Behörden Ausgangssperre verhängt. Das kleine Empfangskomitee ist trotzdem herzlich, erzählt der 33-Jährige. Helfen verbindet eben - der Einsatz beginnt.

Helfen - das ist auch das Wort, das immer wieder fällt, wenn Mroseck erklärt, warum er sich meldete. Es gehe ihm nicht um Zulagen. Es gehe ihm nicht um Abenteuer. Es geht um etwas ganz Einfaches: Wenn er mit seiner Ausbildung dabei helfen kann, Leben zu retten, dann sei das doch richtig. "Ich habe gesagt: ,Ich werde da unten gebraucht. Warum nicht?'"

Anderen mögen da ein paar Antworten einfallen. Mroseck nicht. Also nimmt er nach einem Vorbereitungslehrgang seine Arbeit in Liberia auf. Er ist zusammen mit liberianischen Elektrikern zuständig für alles, was mit Strom in der ETU zu tun hat, hilft bei Bedarf auch in einem örtlichen Krankenhaus aus. Einfach ist die Aufgabe nicht. Nicht nur, weil es keine verlässliche öffentliche Stromversorgung in Liberia gibt. Dafür sind die Freiwilligen umso motivierter. "Es war überwältigend, kameradschaftlich höchstes Niveau." Losgelassen haben ihn auch die Begegnungen mit Einheimischen nicht. "Man wird auf der Straße angesprochen. Mit wildfremden Menschen entwickelt sich ein intensives Gespräch." Die Themen ähneln sich oft, erzählt Mroseck. "Die Menschen sind sehr dankbar, dass wir dort sind. Dass wir gerade an Weihnachten deswegen unsere Familien verlassen haben." Für den Oberfeldwebel war das tatsächlich nicht ganz einfach. Er ist zwar ledig. Seine Eltern verfolgten den Einsatz allerdings mit mulmigen Gefühlen. Die Liberianer wiederum schildert Mroseck angesichts der Epidemie als "betroffen, aber sie haben ihre Hoffnung nicht verloren".

Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Zahl der Neuerkrankungen vor Ort früher zurückgeht als erwartet. Das ETU nimmt deshalb erst gar keine Ebola-Patienten auf, ist inzwischen umgewandelt in ein Zentrum für andere Tropenkrankheiten wie Gelbfieber. Mroseck ist's gleich. "Für mich spielt das keine Rolle." Helfen ist nunmal helfen - egal gegen welches Virus.

50 Mal Fiebermessen

Trotz des Rückgangs der Ebola-Erkrankungen bleibt die Epidemie natürlich allgegenwärtig. Mroseck lernt, andere nicht mit einem Handschlag, sondern mit Berührung der Ellbogen zu begrüßen, weil die Erreger von dort nicht so leicht in den Mund gelangen. Und Mroseck muss mit stoischer Ruhe die vielen Sicherheitsvorkehrungen durchlaufen. X-mal desinfiziert er täglich die Hände. Bis zu 50 Mal am Tag wird seine Körpertemperatur gemessen. Es bleiben Vorsichtsmaßnahmen. Zumindest wissentlich kommt Mroseck nicht in Kontakt mit Ebola-Erkrankten.

Schreckliche Rückkehr

Abstrakt ist die Seuche für ihn dennoch nicht. Der Oberfeldwebel berichtet vom Schulsystem, das in Liberia zum Erliegen gekommen ist. Er trifft Geschäftsleute, die ihre Familien außer Landes gebracht haben. Und er unterhält sich mit Menschen, die eine Erkrankung überlebt haben. Die, die Glück hatten, werden jetzt im Alltag aus Angst und Unwissenheit gemieden, berichtet Mroseck. Die, die Pech hatten, kamen aus dem Krankenhaus in ihre Dörfer zurück - "und es war keiner mehr da". Ihre Familien sind tot.

Für Mroseck bleiben solche Episoden gegenwärtig. Auch wenn er seit Anfang Februar wieder zurück in Deutschland ist. Er hat noch immer Kontakt zu den Helfern in Monrovia, weil er weiß, dass die Epidemie und das Leiden längst noch nicht zu Ende sind. Und er freut sich über Fotos aus dem Behandlungszentrum, die zeigen, dass die Arbeit dort vorangeht. Mroseck selbst kommt nach seiner Rückkehr nach Deutschland auch erst einmal in ein Krankenhaus. Zur Beobachtung. Symptome zeigte er nicht. So wie die anderen Freiwilligen der Bundeswehr.

Als die Inkubationszeit vorüber ist, holen ihn zwei Kameraden extra ab und bringen ihn mehrere hundert Kilometer nach Hause. Wobei es nach seiner Rückkehr nicht nur Respekt ist, den er bekommt. "Viele sagen zwar: ,Mensch, ich zieh' den Hut vor dir.' Viele sagen aber auch: ,Mensch, biste total blöde?'" Wichtig ist am Ende vermutlich sowieso nur, was der Oberfeldwebel Jens Mroseck selbst sagt: Er würde den Einsatz jederzeit wiederholen, jederzeit wieder nach Afrika fliegen. "Für mich war es mehr oder weniger eine selbstverständliche Sache. Ich wollte ja helfen."
Weitere Beiträge zu den Themen: März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.