Jede 7. Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal sexuelle Gewalt, so eine Studie
Ein "Nein" muss genügen

Karin Schmidt. Bild: hfz

Jede 7. Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal sexuelle Gewalt, so eine Studie. Doch nur 15 Prozent der Taten werden angezeigt, weniger als 10 Prozent verurteilt. Das muss sich ändern, fordert "Dornrose".

Weiden. (ps) Was da schief läuft, liegt für Sozialpädagogin Karin Schmidt von "Dornrose", der Weidener Beratungs- und Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt, auf der Hand.

Vergewaltigung steht in Deutschland unter Strafe. Dennoch macht sich "Dornrose" für eine Gesetzesänderung stark. Warum?

Karin Schmidt: Dass in der Bundesrepublik immer noch viel zu wenig Fälle angezeigt und verurteilt werden, liegt daran, dass das bisherige Gesetz nicht ausreicht. Im Falle einer Vergewaltigung werden Frauen überwältigt, sie verfallen in Schockstarre, sind häufig körperlich unterlegen oder haben aus anderen Gründen Angst, sich körperlich zu wehren. Hat eine Frau ,nur' Nein gesagt, sich abgewendet, geweint oder anders deutlich gemacht, dass sie die sexuelle Handlung nicht will und konnte nicht nachweisen, dass sie sich körperlich gewehrt hat, liegt nach momentaner Gesetzeslage keine Straftat vor. Der Gesetzgeber berücksichtigt nicht, dass wir es bei Gewaltsituationen immer auch mit traumatisierenden Situationen zu tun haben, für die es keinen Handlungsspielraum, geschweige denn körperliche Abwehrmöglichkeiten gab.

Was sind die Folgen für die Frauen?

Schmidt: Betroffene leiden nach diesen traumatisierenden Gewaltsituationen unter plötzlich auftretenden Flashbacks, Unruhe- und Verzweiflungszuständen - die Welt ist aus den Fugen geraten und nichts ist mehr wie vor der Tat. Dazu kommt, dass sich Betroffene vom Gesetz im Stich gelassen fühlen. Fassungslos wird von Betroffenen realisiert, dass der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Das ist eine zusätzliche Belastung für die Betroffenen. Deshalb setzen wir uns für die Reformierung des Sexualstrafrechts ein: Ein Nein heißt Nein!

Kennen Sie Fälle von Schockstarre aus ihrer Praxis?

Schmidt: In erster Linie kommen die Frauen zu uns, um diesen Vorfall zu verarbeiten. In Beratungsgesprächen werden alle Möglichkeiten im Umgang mit der Situation aufgezeigt. Wichtigste Ziele sind hierbei die Stabilisierung und der Schutz der Betroffenen. Natürlich berichten die Frauen in der Regel, dass sie von dem Übergriff völlig überwältigt waren und dass sie mit Worten und Gesten versuchten, den Täter davon abzubringen, aber dass es schwierig war, sich körperlich zu wehren. Meistens ist der Täter körperlich übermächtig. Oft sind die Frauen aber auch zusätzlich dadurch geschockt, dass es ein Bekannter war und er zu diesen Taten fähig ist.

Welche Forderungen stellt der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) an den Gesetzgeber?

Schmidt: Der vorliegende Entwurf der für Herbst geplanten Reform des Sexualrechts berücksichtigt die Gefahrensituation, in der sich die Frau befindet, zu wenig. Es muss klar sein: "Vergewaltigung verurteilen - Nein heißt Nein." Unter diesem Motto hat der bff eine bundesweite Kampagne gestartet und sammelt Unterschriften, die an Justizminister Heiko Maas übergeben werden. Wir von "Dornrose" organisieren deshalb einen Informationsstand am Samstag, 5. September, von 10 bis 12 Uhr, auf dem Oberen Markt. Wir hoffen, dass möglichst viele Menschen die Aktionspostkarten unterschreiben.
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