Jetzt fehlt ein Richter

Im Prozess gegen einen 29-Jährigen wegen Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und Körperverletzung hatten am Dienstag zwar die Zeugen den Mut, vor Gericht zu erscheinen. Die Lücke klaffte dafür bei der Kammer: Ein Richter ist von einer ansteckenden Kinderkrankheit außer Gefecht gesetzt.

(ca) Ausgerechnet in dieser Woche fehlt Dr. Marco Heß. Die Verhandlung am Dienstag wurde abgeblasen, ebenso die Fortsetzung am Freitag. Die Zeugen wurden heimgeschickt. Heß kann auch bei der Reise nach Amsterdam von Mittwochabend bis Donnerstag nicht dabei sein. In den Niederlanden werden Zeugen im Betrugsprozess gegen Mallorca-Millionär Wolfgang S. vernommen. Keiner kennt die über 30 000 Seiten der Akten so gut wie berichterstattender Richter Heß. Auf ihn werden Landgerichtspräsident Walter Leupold und Richter Markus Fillinger nun verzichten müssen.

Im Prozess wegen Freiheitsberaubung konnte Leupold den Verteidigern Dr. Wolfgang Schnupfhagn und Richard Müller nur eine Handvoll Ersatztermine anbieten. Die Strafkammer ist überlastet, der Sitzungskalender bis Weihnachten fast komplett dicht. Parallel läuft bis mindestens Januar das Betrugsverfahren gegen den Mallorca-Millionär. Am heutigen Mittwoch, 9 Uhr, startet zudem das Verfahren wegen versuchten Totschlags im "Rio". Und immer wieder steht "zwischendurch" Crystal-Handel auf der Tagesordnung.

Hilfsstrafkammer legt los

Leupold hat eine Hilfsstrafkammer gegründet, die ab November ihre ersten Sitzungen terminiert hat. Die Richter Reinhold Ströhle, Thomas Hys und Peter Werner befassen sich unter anderem mit versuchtem Totschlag und sexuellem Missbrauch. Das alles bearbeiten sie neben ihren Zivilsachen, die ja weiterlaufen.

Die Zeugenliste im Freiheitsberaubungs-Verfahren wird indessen immer länger. Auf Antrag von Wahlverteidiger Müller (Nürnberg) wird eine entfernte Angehörige des Angeklagten gehört. Sie soll bezeugen, dass die geschädigte 28-Jährige die Wohnung durchaus verlassen habe. Verteidiger Müller: "Ich hege große Zweifel an der Freiheitsberaubung."

Müller zieht auch die 13 Vergewaltigungen in Zweifel. Er fordert ein Gutachten des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie in Hamburg. Damit will er den Nachweis führen, dass die beiden in einem "gegenseitigen sexuellen Abhängigkeitsverhältnis" standen. Vor dem Geschlechtsverkehr sei immer Gewalt gestanden. "Es ist die große Frage, ob für den Angeklagten erkennbar war, dass der Verkehr gegen ihren Willen war." Aus seiner Sicht bleibt von der Anklage nicht viel übrig: "Für mich kapriziert sich alles auf die Körperverletzungen."

Das sieht Nebenklagevertreterin Anne Brünnig völlig anders: Nachdem eine Frau "halb erschlagen" worden sei, könne von freiwilligem Sex wohl keine Rede sein. In puncto Freiheitsberaubung verweist die Anwältin auf den Fall Kampusch, die mit ihrem Entführer ebenfalls das Haus verlassen habe, ohne auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. "Die Angst vor den Folgen ist übergroß. Das ist wie ein unsichtbares Band." Nach der Befreiung der Weidenerin am 11. Dezember 2013 durch die Polizei vergingen 13 Tage bis zur Festnahme des Angeklagten: "Diese Zeit verbrachte meine Mandantin in panischer Angst."

Eine Psychologin hatte am ersten Verhandlungstag das "typische Verhalten bei einer Angstpsychose" bestätigt: Auswege seien für Opfer in dieser Lage oft nicht erkennbar.
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