Kampf ums letzte Hemd

Container für Altkleider und Schuhe wie dieser finden sich derzeit zuhauf in der Stadt. Aufgestellt werden die billig produzierten und laut Polizei teils sogar scharfkantigen Behälter manchmal mit, oft aber auch ohne Einwilligung der Grundstückseigentümer. Bild: Götz

Wie Schwammerl aus dem Boden: Im gesamten Stadtgebiet, aber auch im Landkreis, tauchen über Nacht Altkleidercontainer auf. Oft ohne Einverständnis der Grundstückseigentümer. Dahinter steckt offenbar eine Firma mit seltsamen Methoden.

Und dann stand er da. Über Nacht, Mitte September, hatten sie den Altkleidercontainer an einem Privatgrundstück in den Krummen Äckern aufgestellt. Um Erlaubnis gefragt hatten sie nicht, wie die Verwalterin der zugehörigen Immobilie berichtet. Und auch für Rückfragen ließen sie kaum Möglichkeiten: Auf dem Container fand sich lediglich ein Aufkleber mit einer Handynummer als "Notfallkontakt". Für alle anderen Anliegen solle man doch bitte die Service-Nummer wählen, stand da weiter. Nur: Wie die lautet und welche Firma den Container einfach aufgestellt hat? Keine Info.

Anrufen zwecklos

Funde wie diesen gibt es seit wenigen Monaten immer wieder. Ende Juli meldete die Polizei erstmals einen Container auf einem unbebauten Grundstück an der Neustädter Straße, der dort ohne Einwilligung des Besitzers platziert worden war. Betroffen sind aber offenbar vor allem Supermarktparkplätze in der Stadt und im Landkreis. Manchmal mit Einwilligung der Unternehmen. Sehr oft ohne. Und ohne dass die Betroffenen wüssten, wer dahintersteckt. Denn - das berichten mehrere übereinstimmend - unter der Handynummer erreichten sie auch nach x Versuchen niemanden.

Um wie viele Container es insgesamt geht, lässt sich schwer sagen: Das ungenehmigte Aufstellen auf Privatgrund betrifft Zivilrecht. Die Polizei führt deshalb keine Statistik. Und hat kaum eine Handhabe, erläutert Sprecher Günther Burkhard. Sie könne nur empfehlen, sich ans Umweltamt zu wenden. Außerdem weisen die Beamten darauf hin, dass es sogar schon Firmen gebe, die eine - kostenpflichtige - Beseitigung solcher Container im Portfolio haben.

Juristisch auf Zack

Dabei prüften die Kollegen daneben durchaus, ob beim Aufstellen nicht beispielsweise Hausfriedensbruch vorliegt. Aber die Verantwortlichen wüssten schon, wie sie sich hier schadlos halten. Ohnehin sind sie rechtlich auf Zack. Als eine Streife einmal einen Wagen anhielt, der Container entleerte, hatten die Insassen ein Schreiben eines Anwalts dabei, in dem es um das richtige Verhalten bei einer Kontrolle ging.

"Die sind top organisiert", konstatiert auch die Immobilienverwalterin. Sie rief irgendwann die Handynummer an. Erreichte aber wieder und wieder niemanden. Nur einmal sei ein Mann rangegangen. Der habe knapp erklärt, es gebe eine Genehmigung - und dann aufgelegt. In der Folge schritt die Frau zur Selbsthilfe. Sie ließ den Container umlegen. Aber am nächsten Morgen stand er wieder. Sie ließ den Einwurf zukleben, verbunden mit der Aufschrift, das Trumm solle doch jetzt endlich weg. Am nächsten Morgen stand die Box wieder unversiegelt am alten Ort. Keine Laien eben. Der Behälter ist übrigens immer noch da.

Ihre Erfahrungen decken sich mit denen von Stadtbau-Geschäftsführer Günther Kamm. Auch er berichtet von Containern auf Grundstücken des Unternehmens. Und von fehlgeschlagenen Versuchen, die Teile wieder loszuwerden. Weil niemand ans Handy gehe und die Stadtbau also nicht wisse, wem sie gehören. Und wem sie dann den Abtransport in Rechnung stellen müsste. Was Kamm, wie seine Kollegin, besonders wurmt: Viele Menschen würden die Container falsch verstehen. "Es vermuten natürlich alle, dass da gemeinnützige Einrichtungen dahinterstehen." Darauf findet sich an den Blechboxen allerdings kein Hinweis.

"Riesige Konkurrenz"

Tatsächlich ist eine rein kommerzielle Sammlung jenseits der Container mit den Aufdrucken der Hilfsorganisationen nichts Verbotenes. Und weil - auch wenn die Preise derzeit im Keller sind - mit Altkleidern durchaus Geld zu machen ist, hat sich inzwischen auf dem Sammel-Markt "eine riesige Konkurrenz" entwickelt, wie Christoph Sollfrank vom Umweltamt der Stadt berichtet. Bei ihm melden sich viele der Eigentümer, die einen der Container auf ihrem Grundstück gefunden haben. Laut Sollfrank steckt ein Unternehmen mit Sitz in Hessen hinter den meisten der ominösen Boxen. Bauhof-Mitarbeiter hatten einmal ein Fahrzeug beim Entleeren beobachtet und sich die Nummer notiert. Bei der anschließenden Überprüfung stellte sich heraus, dass die Firma ihre Sammlung bei der Stadt sogar angezeigt hatte. Was freilich noch lange nicht heißt, dass sie ihre Behälter ungefragt auf Privatgrundstücken abstellen darf.

Spur nach Hessen

In Fällen, in denen es sich ausweislich der Handynummer tatsächlich um diese Firma handle, nennt Sollfrank Betroffenen die Adresse. Er rät Grundstückseigentümern, die Container nicht einfach zu verschrotten. Das könnte rechtlich heikel werden. Stattdessen sollten sie der Firma eine zweiwöchige Frist zu setzen, verbunden mit der Ankündigung, die Behälter ansonsten kostenpflichtig entfernen zu lassen.

Inwiefern Betroffene damit alle Sorgen los sind, ist indes offen. Ein Entsorgungsunternehmer aus Bayern, der nach eigenen Angaben um die 300 Container der ominösen Firma abtransportiert hat, lässt zweifeln: Er versuche natürlich, Rechnungen dafür an das Unternehmen in Hessen zu schicken. Nur mit der Begleichung sei das so eine Sache. Die Container verschwinden eben nicht so einfach, wie sie gekommen sind.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8436)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.