Karaoke auf Russisch

Tanzen in der Kinderakademie. Unter die jungen Damen hat sich ein Hahn in Korb geschmuggelt. Bilder: otj

Sieben Mädchen drängeln um den besten Blick auf den Laptop, auf dem die Songtexte zu lesen sind. Sie albern rum und singen Karaoke. Hm? Deutsch ist das aber nicht? Englisch auch nicht? Also: "Was geht ab?", um es mit den Worten von Sophia zu sagen.

Die Achtjährige geht seit einem Jahr in die Kinderakademie des Vereins "Neue Zeiten" - und da wird eben auch Russisch unterrichtet. Hier bedeutet Integration nicht, russische Kinder auf deutsch zu trimmen. Man braucht Wurzeln, um zu wachsen. Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Rosa Seifert, will eine Brücke bauen zwischen dem Deutschen und dem Russischen. "Viele der Kinder sind in der zweiten Generation hier. Die Kultur ihrer Eltern droht bei ihnen zu versickern. Das wäre wirklich schade."

Jeden Samstag werden die Räume in der Asylstraße zu Klassenraum, Musikzimmer oder Bibliothek. Von 9 bis 13 Uhr drücken hier um die 20 Kinder die Schulbank - freiwillig. Noten gibt es nicht und der Unterricht wird in kleinen Gruppen aufgezogen. Ob Sprachen, Musik oder Tanz - der Spaß steht im Vordergrund. Und das ist den Kindern auch anzusehen. Ein weiterer Punkt, der die Kinderakademie so wertvoll macht: "Einige der Eltern haben einfach nicht das Geld für eine Musik- oder Kunstschule. Wir können das hier zwar nicht kostenlos anbieten, aber es ist günstiger."

Die Finanzen bereiten aber auch dem Verein Bauchschmerzen. Unterstützung kommt von der Stadt, die mit einer niedrigen Miete ein wenig den Druck nehmen kann. "Es könnte aber mehr sein, das ist klar." Zum Beispiel für noch mehr Ferienprogramm, das jetzt schon sehr beliebt ist, wie Fotos mit lachenden Kindern belegen. Im Musikraum gibt es eine Ballettstange und eine Seite ist verspiegelt. Die Wand ziert ein Pappaufsteller - von E-Musiker Wolfgang Amadeus Mozart. Die Musik aus dem CD-Player ist allerdings nicht "Eine kleine Nachtmusik", sondern ein poppiges Kontrastprogramm. Geübt wird gerade eine Art Freestyle-Choreographie - mit einer ordentlichen Mädels-Quote übrigens. Alexander ist der einzige Bub. Er trägt es mit Fassung.

Aus dem Uralgebirge

Während ein Knäuel aus Kindern gerade von einem Raum in den anderen wuselt, nimmt sich Rosa Seifert bei einem Kaffee die Zeit, von ihrer eigenen Migrationsgeschichte zu erzählen. "Viele Verwandte lebten schon hier. Ich bin die Letzte aus meiner Familie, die übergesiedelt ist." Erst als es mit den Arbeitsplätzen immer schlechter wurde und die Tochter mit ihrem Ehemann keine eigene Wohnung bekam, beschloss die Lehrerin, nachzuziehen. "Aber ich war schon vorher auf Besuch in Deutschland. Ich wusste, was auf mich zukommt."

Zurückgelassen hat sie das russische Orenburg, das südwestlich der Südausläufer des Uralgebirges liegt. Hier habe sie von Kindesbeinen an die deutsche Sprache gepflegt. "90 bis 95 Prozent der Menschen haben Deutsch gesprochen. Nur in der Schule mussten wir uns auf Russisch unterhalten." Sie empfand das Leben zwischen zwei Kulturen auch schon damals als wertvoll.

Mit dieser Philosophie im Rücken haben Rosa Seifert und andere Russlanddeutsche 2004 den Verein "Neue Zeiten" gegründet, um einen zentralen Ort der Integration schaffen. Weil Integration eben nicht nur bedeutet: Ich nehme deine Kultur an, sondern auch: Ich beteilige dich an meiner. Eine Win-Win-Situation, die beide Seiten nur reicher machen kann.

Die Kinderakademie ist dabei nur ein Pfeiler, den die Initiatoren gesetzt haben. Auch mit Musik und Tanz will der Verein die Herzen der Weidener erobern. "Wir singen bekannte deutsche und russische Lieder ", erklärt Evgenia Jarusskij. Sie ist Mitglied der Gruppe Kalinka, die oft deutsche Texte ins Russische und umgekehrt übersetzt. Dann gibt es eine kleine Kostprobe der tollen Singstimme von Evgenia Jarusskij: "Zwezda s tmoim imenem". Kennt man doch die Melodie. Ach ja: "Ein Stern, der Deinen Namen trägt".
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