Kein Dank vom Vaterland

Dr. Sebastian Schott (Mitte) präsentierte seine Recherchen über Weidener Juden in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Pfarrer Alfons Forster, katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (rechts), und Schatzmeister Franz Häring begrüßten ihn. Bild sbü:

Auch in Weiden haben sich 1914 jüdische Einwohner begeistert zum Kriegseinsatz gemeldet. Sie wollten endlich als vollwertige Bürger anerkannt werden. Später stellte sich heraus, dass Opfer und vaterländischer Einsatz umsonst waren. Verdienstkreuze und Tapferkeitsorden verhinderten nicht Deportation und Ermordung.

(sbü) Die Bereitschaft zum Einsatz des Lebens und der Wille zum Blutzoll sollten den vollgültigen Beweis zur Zugehörigkeit der jüdischen Einwohner zum deutschen Volk bringen. Mit dieser Kernaussage begann Dr. Sebastian Schott vom Kulturamt der Stadt Weiden seinen Vortrag zum Thema "Jüdische deutsche Soldaten und die jüdische Gemeinde Weiden im Ersten Weltkrieg" im Kulturzentrum Hans Bauer.

Zahlreiche Quellen und Dokumente hatte Dr. Schott in akribischer Arbeit aus historischem Material ausgewertet. Jetzt konnte er die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit einem breiten Publikum präsentieren. Die Besucher des Vortrags hörten eine ganz spezielle Seite der tragischen Geschichte des deutschen Judentums. So unter anderem, dass zum 1. August 1914 der auch für die Weidener jüdische Gemeinde zuständige Regensburger Rabbiner Dr. Meyer zu einer "nationalen Pflichterfüllung" aufrief.

Freiwillig zu den Fahnen

Er schloss sich damit dem Aufruf des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Verbandes der deutschen Juden an, "über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterland zu widmen! Eilet freiwillig zu den Fahnen". Mit vielen weiteren historischen Fundstellen und Dokumenten belegte Dr. Schott die Opferbereitschaft der deutschen Juden für ihr Vaterland. Diese Aufrufe hätten viel Widerhall gefunden, wie aus später veröffentlichten Statistiken hervorgegangen sei. "100 000 deutsche Juden waren im Felde und 12 000 sind gefallen" zitierte Dr. Schott hieraus. Damit sollten auch die Vorurteile rechtsextremer Kreise, dass "Juden es verstanden hätten, dem Kriegsdienst zu entgehen", widerlegt worden.

Dr. Schott schilderte im Vortrag zahlreiche Einzelschicksale. Auch die kleine jüdische Gemeinde Weiden "mit 160 Seelen" habe 26 Frontsoldaten gestellt, "von denen 16 befördert und 10 ausgezeichnet wurden", berichtete Dr. Schott. Und er nannte Namen und Einzelschicksale Weidener jüdischer Bürger wie Otto Hausmann, der vom NS-Regime in das polnische Lager Trawniki deportiert wurde und dort 1942 verstarb. Dr. Schott recherchierte auch viele Namen Weidener jüdischer Kaufleute, die noch im Alter von über 40 Jahren "Dienst beim Landsturm ableisten mussten".

Erzählt hat der Referent auch die Geschichte des Weidener Oberstabsarztes Dr. Rebitzer und dreier weiterer "Träger des König-Ludwig-Kreuzes" aus Weiden. Es klingt wie ein Namenslexikon, was Dr. Schott zusammengetragen hat. Aber der Wissenschaftler musste dennoch feststellen, "dass sich die Integrationshoffnungen der jüdischen Mitbürger spätestens seit 1916 als Illusion erwiesen haben". Im Irrglauben, dass ihr Einsatz für Deutschland sie schütze, hätten diese die tödliche Gefahr des Nationalsozialismus völlig verkannt. Das "Vaterland kennt keinen Dank".

Veranstalter des Vortragsabend war die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Weiden.
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