Keine Angst vor Flüchtlingen

Urs M. Fiechtner sagt von sich: "Ich lebe in einem kleinen schwäbischen Dorf. Erst in der dritten Generation ist man dort integriert." Bild: sbü

Fakten statt Vorurteile: Beim Freundeskreis Tutzing hielt ein Autor ein Plädoyer für einen gelassenen Umgang mit Flüchtlingen. Und er erklärte, warum man im Grundgesetz einen Kulturbegriff ausmachen kann.

(sbü) Mitten im aktuellen politischen Geschehen lag der Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing diesmal mit der Wahl des Vortragsthemas: Urs M. Fiechtner, freier Schriftsteller, sprach über "kulturelle Identität und Integration" und fragte: "Gibt es Grenzen der Toleranz?" Trotz der vielen abstrakten Begriffe ging es hauptsächlich um die Einstellung gegenüber Flüchtlingen und um Flüchtlingspolitik. Der Vortragsabend wurde in Zusammenarbeit mit der lokalen Amnesty-International-Gruppe organisiert.

"Verfehlte Politik"

Dass überhaupt so viele Menschen nach Europa, nach Deutschland kommen, sei auf eine "dramatisch verfehlte europäische Flüchtlingspolitik" zurückzuführen. Seit Jahrzehnten habe es Mahnungen gegeben, "nicht die Flüchtlinge sondern die Fluchtursachen zu bekämpfen". Doch ständig hieß es, dass das zu teuer sei. Und seit "über einem Jahr weisen wir auf die drohende Flüchtlingswelle aufgrund der Halbierung von Nahrungsmittelzuschüssen in Flüchtlingslagern hin". Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sei deshalb "Weiterflüchtende".

Anschließend ging der Referent auf die historische Dimension des Themas Flüchtlinge und Vertriebene ein. "Seit Jahrhunderten wird über kulturelle Identität und Integration debattiert." Zum Beispiel im Jahr 1685, "als der Große Kurfürst die umstrittene Öffnung des Landes für Hugenotten anordnete". Danach sei es wirtschaftlich bergauf gegangen. Auch habe das "zerbombte Deutschland" nach dem Zweiten Weltkrieg 12,5 Millionen Vertriebene aufgenommen - und so die Grundlage für das Wirtschaftswunder geschaffen.

Fiechtner zitierte Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach zwischen 1950 und 2014 insgesamt 43 Millionen Arbeitsmigranten und Flüchtlinge nach Deutschland gekommen seien. Davon verblieben aber nur 11 Millionen im Land. "Man darf niemals von 100 Prozent Verbleibquote ausgehen." Das gelte auch heute. Nach einer Umfrage wollten lediglich acht Prozent der syrischen Neuankömmlinge in Deutschland bleiben.

Fiechtner warnte gleichzeitig vor immer harscheren Vorurteilen gegenüber dem Islam, wenn dieser mit den Islamisten und Dschihadisten gleichgestellt werde. Islamisten seien eine winzige Minderheit und keine Rechtfertigung für Panik vor Flüchtlingen. Zudem hielt der Referent fest: "Wer die Bedrohung europäischer Kultur befürchtet, muss diese erst einmal definieren." Deutsche definierten ihre Identität zu rund 50 Prozent nach ihrer Region, in der sie wohnen. Weitere 25 Prozent definierten sich als Deutsche, 25 Prozent als Europäer. Fiechtner erkennt auch "keine echte deutsche Kultur, sondern allenfalls eine europäische". Relativieren will der Publizist insofern auch die Begriffe Leitkultur oder deutsche Werte.

Benachteiligten helfen

"Nur das Grundgesetz will ich als Kulturbegriff akzeptieren", sagte er. Jedem Einwanderer sollte ein Grundgesetz in dessen Sprache gegeben werden. Konflikte resultierten selten aus kulturellen, sondern aus sozialen Gründen. Wer Flüchtlingen hilft, müsse auch den Benachteiligten im Land helfen und nicht den eigenen Sozialstaat abbauen, forderte Fiechtner. Denn: Erstmals sei die Lebenserwartung der Hartz-IV-Empfänger gesunken. Forderungen hatte der Referent aber auch an die Zuwanderer aus dem Islam: Gleichstellung der Frauen. Und: "Religionsfreiheit ist keine Freiheit des Handelns, sondern nur des Glaubens."
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