"Kepler": Ausstellung über Diktatur und Demokratie - Rückblick aus juristischer Sicht
Wenn Recht dem Unrecht hilft

Von einem "Zeitalter der Extreme" handelt die Ausstellung, die am Montag im Kepler-Gymnasium eröffnete. Bilder: Götz (2)
Lokales
Weiden in der Oberpfalz
18.11.2014
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100 Jahre Erster Weltkrieg, aber auch 10 Jahre EU-Osterweiterung. Es sind extreme Pole europäischer Geschichte, die durch diese und viele weitere Jubiläen 2014 wieder in den Blickpunkt rücken. Sie sind auch der Anlass für das Kepler-Gymnasium, seinen Schülern die Spannweite zwischen "Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme", so der Titel, in einer Ausstellung zu zeigen.

Verdichtet auf 27 Tafeln, gibt die Schau europäische Geschichte wider - beginnend mit dem Attentat auf Franz Ferdinand, Thronfolger Österreich-Ungarns, bis zur fortschreitenden Integration in die EU heute. Ein historischer Blick zurück. Eine andere Lesart der Geschichte gab es nach der Eröffnung durch Schulleiter Rolf Anderlik und den Fachbetreuer für Geschichte und Sozialkunde, Stefan Niedermeier, obendrein.

Oliver Gerson von der Uni Passau - ein früherer Schüler Niedermeiers - erläuterte schlaglichtartig die Sicht der Juristen auf einige Entwicklungen der vergangenen hundert Jahre. Geschichte und Jura? Sind mitunter eng verflechtet, erläuterte Gerson. Beispiel: "Recht ist das stärkste Schwert, um ein Unrechtssystem durchzusetzen." Erläutern lasse sich das mitunter auch mit Normen, die bis heute in Kraft sind.

Der "Mord-Paragraf" zum Beispiel. Ersonnen von NS-Juristen, bis heute gültig. Er beschreibt nicht etwa eine Tat. Sondern einen Täter-Typus. Mörder ist demnach vereinfacht jemand, der aus "niederen Beweggründen" einen anderen Menschen tötet. "Das ist eine Ideologisierung der Sprache", erläuterte Diplomjurist Gerson. "Eine Stigmatisierung, Generalisierung eines Menschenschlags, den es so nicht gibt." Denn genau das sei der Hintergedanke gewesen: Die Formulierung des Rechts zielte darauf ab, bestimmte Typen von Menschen, aus Sicht der NS-Juristen nicht zuletzt Juden, zu beschreiben. Der Bevölkerung sei so ein bestimmtes Freund-Feind-Denken über das Recht und seine Sprache mit eingeimpft worden.

Freilich, auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Recht nicht immer eindeutig gewesen. Natürlich habe niemand moralische Zweifel etwa an den Nürnberger Prozessen, sagte Gerson. Aus juristischer Sicht sei es aber fraglich, wenn die Siegermächte Ankläger und Richter in einem gewesen seien. So wie man bis heute hinterfragen müsse, ob militärische Interventionen wirklich legitim sind. Der Durchsetzung von Menschenrechten in anderen Ländern stehe das Souveränitätsrecht der Nationen gegenüber, das ja auch von Nazi-Deutschland mit Füßen getreten wurde. Klare, einfache Antworten gibt hier also auch die Rechtslehre nicht. Allzu unpassend ist das allerdings nicht, ähnelt sie doch hier der Geschichtsschreibung über die zurückliegenden 100 Jahre der Extreme.

Herausgegeben hat die Schau das Institut für Zeitgeschichte, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Deutschlandradio Kultur. Wer ein Smartphone hat, kann dazu noch zeitgeschichtliche Tondokumente aufrufen (QR-Reader nötig). Die Ausstellung ist bis Anfang April auch für externe Besucher offen. Diese sollten sich aber vorab im Sekretariat anmelden.
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