Kinder als Verhandlungspartner

Pädagogik-Professorin Dr. Maria Völling-Albers. Bild: Bühner

Vor 50 Jahren kamen hierzulande drei Mal so viele Kinder wie heute zur Welt. Deshalb hat sich ihre Rolle in der Familie gravierend verändert. Die Eltern konzentrieren sich stärker auf ihre "Wunschkinder". Es gibt aber auch Verlierer dieser Entwicklung.

(sbü) Kinder wachsen heute anders auf als früher. Soziologen sprechen von einem "Modernisierungsschub" in Kindheit und Erziehung. Welchen Wandel die Kindheit erfahren hat und welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben, das war Thema eines Vortrags beim Freundeskreises der evangelischen Akademie Tutzing im Haus der Gemeinde. Dr. Ehrenfried Lachmann, Mitorganisator des Abends, begrüßte dazu die emeritierte Pädagogik-Professorin Dr. Maria Völling-Albers.

Die Aussage, dass gesellschaftliche Veränderungen, insbesondere die stark reduzierte Geburtenrate, "einen Individualisierungsanspruch jedes Kindes" auslösen, stellte die Referentin an den Anfang ihrer Ausführungen. Zwar sei Wandel schon immer normal gewesen, doch ab 1970 hätten die Veränderungen von Kindheit und Jugend rasant zugenommen. "Bei einer Kinderquote von durchschnittlich 1,4 pro Paar hat sich die Rolle des Kindes völlig verändert." Kinder würden nicht mehr gebraucht, um Eltern im Alter zu versorgen. Patchwork-Familien, die Erwerbstätigkeit der Mutter oder auch Kinder in Schwulen- und Lesbenpartnerschaften seien keine Besonderheit mehr.

Eltern lernen von Kindern

Weil Sprösslinge "Wunschkinder" sind, sollen sich diese so entwickeln, wie die Eltern sich dies vorstellten. Es gebe einen Übergang "vom Befehlen zum Verhandeln". Die Referentin begrüßte es, "dass sich die antiautoritäre Erziehung der 68er-Generation nicht durchgesetzt hat". Manchmal würden die Rollen vertauscht: Eltern lernten von den Kindern, zum Beispiel bei den modernen Medien. Oftmals seien aber auch "Curling-Eltern" anzutreffen, die wie in dieser Sportart "Hindernisse mit dem Besen wegräumen".

Weil die Bildungserwartungen vielfach sehr hoch seien, sei "das Gymnasium zur Volksschule der Nation geworden". Damit war die Professorin thematisch bei den Risiken und Gefährdungen dieser Veränderungen angelangt. Doch bei rund 80 Prozent aller Kinder würden die Vorteile überwiegen. "Noch nie hat es so viele empathische (einfühlsame) Eltern gegeben wie heute", stellte sie fest. Bildungsoptionen, Freizeitoptionen und auch Beratungs- und Hilfsangebote begründeten diese Vorteile. Allerdings seien Freizeitangebote auch "Fremdbestimmungsangebote". "Der Übergang zur weiterbildenden Schule versetzt viele Eltern in Stress", stellte Prof. Völling-Albers fest. Eltern sollten sich fragen: "Geht es um mein Kind oder um mein Image?"

"Modernisierungsverlierer"

15 bis 20 Prozent der Kinder seien Modernisierungsverlierer. Kinder mit Mehrfachbelastungen wie Armut, Arbeitslosigkeit und Trennungen der Eltern oder prekären Wohnsituationen zählten dazu. Genannt wurde auch der Begriff "Wohlstandsverwahrlosung". Täglicher Medienkonsum von vier Stunden und länger verhindere selbstständige Aktivitäten, warnte die Professorin. In der Erziehung gebe es keine Erfolgsgarantie. Doch alle Befragungen zeigten: "Fast alle jungen Erwachsenen wollen später ihre Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden."
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