Kindergarten in der Stasi-Villa

In der Annenkirchen feierten die Annaberg-Buchholzer das 25-jährige Bestehen des Kinderhauses St. Michael. Die Gründung des kirchlichen Kindergartens hatten die Bürger bei den Samstagsdemonstrationen im Jahr 1989 dem SED-Regime abgetrotzt. Aus der Partnerstadt Weiden kam tatkräftige Hilfe beim Umbau und der Möblierung der einstigen SED-Villa. Allein die Katholischen Pfarreien von Weiden spendeten rund 40 000 Mark. Bild: hfz

"Es war eine intensive Zeit", blickt Heribert Stock zurück, Nicht nur, weil er als Banker nach Chemnitz abgeordnet war, sondern auch, weil er die Hilfe organisierte, mit der in der einstigen Stasi-Zentrale in der Partnerstadt Annaberg-Buchholz ein kirchlicher Kindergarten entstehen konnte.

Die Bürger in Annaberg-Buchholz feiern das 25-jährige Bestehen des Kirchlichen Kinderhauses St. Michael, das sich prächtig entwickelt. Es ist inzwischen in einem Neubau untergebracht. Die Kinder wachsen sogar in eine Montessori-Schule hinein, die von einem Förderverein getragen wird. Auch wenn die katholische Kirche Trägerin der Einrichtung ist, Christen anderer Konfessionen tragen sie von Anfang an mit.

Unvergessen bleibt in Annaberg-Buchholz die Hilfe, die aus Weiden kam. Die Sach- und Geldspenden aus Weiden (Wert rund 100 000 Euro) ermöglichten es dem damaligen Pfarrer Günter Hanke, innerhalb von nur neun Monaten sein mutiges Projekt umzusetzen. Mit dem Kindergarten zogen damals in die ehemalige Stasi-Villa auch Kinder-Stühlchen und -Tische aus Pleystein ein, Möbel aus Schwarzenbach. Für Wärme im alten Gemäuer sorgte die neue Heizung aus Weiden. Das Wasser lief in Rohren vom Dach, die die Spengler-Innung Nordoberpfalz gespendet hatte, berichtet Stock. Seine Wohnung steuerte das Helferteam aus Annaberg-Buchholz gerne an. Hier konnten die Helfer übernachten.

Noch vor der deutschen Vereinigung - genauer: am 8. September 1990 - eröffnete Pfarrer Günter Hanke in der einstigen Stasi-Dienststelle von Annaberg-Buchholz das Kirchliche Kinderhaus St. Michael. Die Gründung im Rekord-Tempo war möglich, weil die Christen der Erzgebirgsstadt bereits mehrere Jahre Vorlauf hatten, erzählt Bettina Simon, die seit der Gründung zum Erzieherinnenteam des Kinderhauses gehört und es seit 1997 leitet. Eltern aus verschiedenen christlichen Gemeinden hatten seit langem von einem kirchlichen Kindergarten für ihre Stadt geträumt. Sie träumten nicht nur, sie vernetzten sich - noch ohne digitale Medien - und unternahmen rund anderthalb Jahre vor der Friedlichen Revolution mit Pfarrer Hanke einen ersten Vorstoß.

Mit großer Hartnäckigkeit

Da es in der DDR nicht erlaubt war, christliche Kindergärten neu zu gründen, die bestehenden aber Bestandsschutz hatten, beantragten sie, die vor der Schließung stehende katholische Kindereinrichtung im 45 Kilometer entfernten Hohenstein-Ernstthal nach Annaberg zu "verlagern". "Ohne Erfolg", berichtet Bettina Simon. "Die Parteifunktionäre fürchteten sich wohl vor einem noch stärkeren Einfluss der Kirchen."

Bei den Montagsdemos, die in Annaberg-Buchholz samstags stattfanden und nicht nur von den zwei großen Kirchen getragen waren, sondern auch von verschiedenen freikirchlichen Gemeinschaften und Methodisten, brachten sie ihre Forderung nach einem christlichen Kindergarten ein. Bettina Simon erinnert sich gut daran, wie der damalige SED-Bürgermeister Erich Fritsch am 11. November 1989 der erhitzten Menge vom Rathausbalkon aus ein erstes Zugeständnis ankündigte: "Es wird in Annaberg-Buchholz einen christlichen Kindergarten geben."

Die Hartnäckigkeit von Pfarrer Hanke, das Engagement vieler Eltern und Erzieher und die Unterstützung aus der Partnerstadt Weiden trugen dazu bei, dass neun Monate später tatsächlich in der frisch sanierten Stasi-Villa das Kinderhaus St. Michael seine Arbeit aufnehmen konnte. Montessori-Pädagogik, eine ökumenische Ausrichtung und die Bereitschaft, behinderte Kinder aufzunehmen, hatten sich die Kinderhaus-Gründer von Anfang an auf die Fahnen geschrieben. Nach und nach füllten sich diese Ziele immer mehr mit Inhalt. Inzwischen hat sich auch eine Montessori-Schule in Annaberg-Buchholz etabliert.

Partnerschaft beleben

Besonders froh ist die Kinderhaus-Leiterin über das ökumenische Miteinander, zu dem Erzieherinnen verschiedener Konfessionen beitragen. Im Kinderhaus St. Michael sei dies kein hehrer Wunschtraum, sondern gelebte Wirklichkeit, seit 2007 nicht mehr in der geschichtsträchtigen Villa, sondern in einem Neubau. Zwischen den beiden Katholischen Pfarren in Weiden und Annaberg-Buchholz entstand auch eine offizielle Partnerschaft, die nun wieder neu belebt werden soll.
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