Kirche: Austritt ein Irrtum?

Rappelvoll waren die Kirchen an Heiligabend. Dabei wird es insgesamt leerer in den Reihen der Katholiken und Protestanten der Stadt. Und das vielleicht schlicht wegen eines Irrtums.

Der Verdacht: Es geht bei der Vielzahl von Kirchenaustritten noch mehr ums Geld als sonst, meint der evangelische Dekan Dr. Wenrich Slenczka. Setzten sich die katholische und evangelische Kirche doch dafür ein, dass ab 2015 auch jene Kirchensteuer automatisch eingezogen wird, die auf die Kapitalertragssteuer fällig wird. Der Hintergedanke: Auch Reiche sollten sich nicht mehr drücken können, ihren angemessenen Beitrag der Kirche zu entrichten. Ganz nebenbei würden die Glaubensgemeinschaften so Mehreinnahmen generieren.

Doch der Schuss ging wohl nach hinten los. Warum? "Diese bundesweite Umstellung auf das automatisierte Einzugsverfahren wird von vielen als zusätzliche Kirchensteuer missverstanden", sagt Dr. Slenczka. Auch deshalb würde die Zahl der Kirchenaustritte steigen. 56 Austritte - und damit 18 mehr als 2013 - verzeichnete 2014 Slenczkas evangelische Gemeinde St. Michael.

Über 14 statt der üblichen drei bis vier Schäfchen vermisst Pfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler in seiner evangelischen Gemeinde in Rothenstadt. "Das sind alles Leute im mittleren Alter. Die treten sonst nicht aus. Ich glaube deshalb auch, dass es etwas mit dieser Umstellung der Kirchensteuer zu tun hat."

Auch Stadtdekan Johannes Lukas klagt über "relativ hohe Austrittszahlen" in seiner katholischen Gemeinde St. Konrad am Hammerweg. 27 kehrten dort 2014 der Kirche den Rücken. Das sind mehr als drei Mal so viele wie noch 2013. Über die Gründe rätselt Lukas genauso wie seine Kollegen. "Ich unterscheide zwischen Grund und Anlass", sagt der Pfarrer. "Wer in der Kirche verwurzelt ist, der tritt auch nicht wegen eines Tebartz-van Elst oder der Kirchensteuer aus."

Offen für Kritik

Pfarrer Peter Brolich von der Pfarreiengemeinschaft St. Elisabeth/Maria Waldrast vermutet: "Viele, die austreten, haben das Standardprogramm durchgemacht: Taufe, Kommunion, Firmung, vielleicht noch Heirat - und dann keine Kirche mehr von innen gesehen. Dann kommt ab und zu ein kleiner Skandal oder der Hinweis des Steuerberaters auf die Kirchensteuer - und jemand tritt aus."

"Und um jeden ist es schade", sagt Dekan Dr. Slenczka. "Und mit jedem hätte ich gern gesprochen. Denn wir, die Kirche, sind offen für Kritik."
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.