Körpereinsatz am Saxofon

Neues lernen, Horizont erweitern: In den einzelnen Combos profitieren Nachwuchsjazzer von erfahrenen Musikern - und umgekehrt. Bild: otj

Hier herrschen Harmonien - normalerweise. Heute klingt es zunächst nach wildem Geklimper, Getrommel und Getröte, wenn man über die Flure der Franz-Grothe-Schule geht. Es ist als sprächen viele Menschen in vielen Sprachen. Des Rätsels Lösung: Es läuft das Jazzseminar 2015. Und da sprechen die Instrumente alle nur eine Sprache: Jazz.

Weiden. (otj) Wer aber bei dem Wort Seminar nur an jugendliche Anfänger denkt, liegt falsch. Das 56-köpfige Teilnehmerfeld, das sich in den Klassenzimmern auf den viel zu kleinen Stühlen niedergelassen hat, geht quer durch den Gemüsegarten - Nachwuchsjazzer und alte Hasen. Die Stimmung im Probenraum ist entspannt, aber konzentriert. Die Soli sind verteilt und man wagt sich an die Improvisation zum vorgegebenen Thema. Am Anfang holpert es noch ein bisschen, gerade bei der Synchronität der Instrumente. Aber auch wenn es erst einmal nicht klappen will, die hochkarätigen Dozenten helfen weiter.

Einer davon ist Thomas Stock. Der Schlagzeuglehrer ist gleichzeitig Leiter und Organisator des einwöchigen Seminars. Seit 13 Jahren treffen sich bereits Musiker in Weiden, zum Üben, Grooven und Jammen. "Das Ziel war und ist, den Nachwuchs für den Jazz zu begeistern. Es ist schon eine Musik, an die man herangeführt werden muss." Einer der schwierigsten Aufgaben sehen sich aber die Dozenten schon gegenüber, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es gilt die Combos einzuteilen, die den Rest der Woche zusammenspielen werden.

Das richtet sich natürlich nach der Instrumentenverteilung. Vor allem aber das unterschiedliche Level der Teilnehmer ist eine Herausforderung für die Dozenten. "Es sollen ungefähr gleich starke Musiker in den Combos zusammenspielen." Kurzfristiges Ziel: Die Schüler sollen bei den Sessions vor Publikum zeigen, was sie auf dem Kasten haben.

Keine Zeit zu fremdeln

Fürs Fremdeln blieb ohnehin kaum Zeit. Schon Montagabend ging es auf die Bühne des Bistrot Paris. Auf-den-Lorbeeren-ausruhen war aber nicht. Denn nach der Session ist vor der Session. Jetzt geht es wieder darum, für Gitarre, Bass, Klavier, Schlagzeug, Blasinstrumente und zum Teil Gesang das perfekte Arrangement zu finden.

Da hilft allerdings nicht nur üben, üben, üben. Neben den Combo-Proben des Seminars wird auch an den Skills in den einzelnen Instrumentengruppen geschraubt. Gleichermaßen gilt es, Theorie zu pauken. Zum Beispiel in der Harmonielehre. Noten lernen? Muss das sein? "Man braucht beides. Die Fähigkeit, Themen vom Blatt zu spielen und die, spontan auf die anderen Musiker zu reagieren." Deshalb wird im Rahmen des Seminars auch das Gehör sensibilisiert.

Bis es sitzt

Die Dozenten verlangen ihren Schülern mehr ab, als nur sauber zu spielen. Einzelne Instrumente haben eine Bedeutung für die Combo. Von Saxofonistin Constanze wünscht sich Thomas Stock zum Beispiel gerade mehr Körpereinsatz: "Suchst du dir bitte zum Üben ein Zimmer mit Spiegel. Du musst dich mehr bewegen, wie ein Dirigent die anderen führen. Wie ein gemeinsamer Atemprozess."

Insgesamt fällt auf: Verglichen mit der Rockmusik liegt beim Jazz viel mehr Gewicht auf den einzelnen Instrumenten. Fehler hört man sofort - beim Solo, aber auch beim Zusammenspiel. Deswegen sind Jazzer Perfektionisten, es geht um Nuancen. Schlamperei hat keinen Platz in einer Combo. Dann wird eben so lange geübt, bis der Basslauf bei "Have you met Miss Jones" sitzt - und zwar bombenfest.
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