Kraftakt für die Hoffnungslosen

Was noch nie gelungen war, haben jetzt die Beteiligten geschafft: Soziale Defizite an der Wurzel zu fassen und Zuständigkeiten zu überwinden. Vertreten waren bei der Präsentation des Programms (von links): OB Kurt Seggewiß, MdB Uli Grötsch, Romy Werner vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, Arbeitsagenturchef Andreas Staible, Geschäftsführer Jobcenter Wolfgang Hohlmeier und Rechtsdezernent Hermann Hubmann. Bild: sbü

Schwer vorstellbar, aber Tatsache. Pro Jahrgang gibt es mindestens 20 Jugendliche ohne Schulabschluss, ohne Berufsausbildung und ohne Beschäftigung. Trotz eines engmaschig geknüpften Vorsorgenetzes gelingt keine 100-prozentige Eingliederung. Jetzt gibt es Hilfe für diese Personengruppe. Diese setzt ganz unten an, wo man die Jugendlichen erst einmal finden muss.

(sbü) Es ist mehr als ein normales Förderprogramm und verdient öffentliche Aufmerksamkeit: Stadt Weiden, Arbeitsagentur und Jobcenter versuchen mit dem Einsatz von 1,1 Millionen Euro etwas zu schaffen, was bisher noch nie gelungen ist. Bei der Vorstellung der Aktion sagte Rechtsdezernent Hermann Hubmann: "Wir wollen gemeinsam mit aller Kraft verhindern, dass Jugendliche durch alle Netze fallen." Kein Jugendlicher soll verloren gehen, sagte dazu OB Kurt Seggewiß. Die Anregung kam aus der Arbeitsmarktinitiative der Stadt. Mehrfach hat man dort festgestellt, dass es im Stadtgebiet eine verkrustete hohe Arbeitslosigkeit gibt. Ein Anzeichen dafür ist, dass rund 20 Prozent der unter 15-Jährigen in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft leben. Dort gibt es immer wieder Jugendliche mit Verhaltensdefiziten, Schulproblemen und fehlender Eingliederung in Ausbildung und Beschäftigung. Hubmann spricht auch von einer "vererbten Arbeitslosigkeit".

Frühzeitig aufgesucht

Wie dieser Teufelskreis unterbrochen werden kann, erläuterten Seggewiß und Hubmann zusammen mit Andreas Staible, Chef der Arbeitsagentur Weiden. Es sind zwei Maßnahmebündel, die in dieser Form und Intensität bisher noch nicht gelungen sind. Zum einen werden Jugendliche mit Verhaltensdefiziten, Schulproblemen und anderen Risiken frühzeitig in der Lebenssituation aufgesucht und betreut, in der sie sich gerade befinden. Das kann die Schule sein, die Jugendszene oder auch Elternhaus und Wohnung. Speziell ausgebildete Fachkräfte und Einrichtungen übernehmen diese Aufgabe. Aufsuchende Sozialarbeit, niedrigschwellige Beratung und ein Case-Management zählen die Programmgestalter dazu.

Der zweite Teil des "Kraftakts" sei die institutionalisierte Zusammenarbeit aller Einrichtungen und Behörden, die für diese Jugendliche zuständig sind. "Jugendberufsagentur oder auch Arbeitsbündnis der Leistungsträger" nennt Staible diesen Rahmen. Agentur, Jobcenter und das Jugendamt der Stadt Weiden installieren ständige trägerübergreifende Fallkonferenzen. "Unterschiedliche Gesetzeslogik, Rechtsinstrumentarien und Mitarbeitersozialisation" würden jetzt unter einen Hut gebracht, versichern die Beteiligten. Möglich mache dies jetzt alles das Programm "Jugend stärken im Quartier".

In einer Präsentationsveranstaltung wurde es jetzt im Neuen Rathaus vorgestellt. Eingeladen waren alle Verbände, Vereinigungen und Institutionen, die von den Programminhalten tangiert sein können. Das Programm läuft bis Ende des Jahres 2018 und hat ein Fördervolumen von 1,1 Millionen Euro. Erstmalig sei es dabei gelungen, Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfond (514 000 Euro) zu kombinieren mit Mitteln der Bundesagentur für "Erprobung innovativer Ansätze" (212 000 Euro) sowie den Eigenmitteln der Stadt Weiden (300 000 einschließlich Personal).

Bis zu 70 Jugendliche

Der Oberbürgermeister bedankte sich auch bei allen, die seit mehr als einem Jahr an der Erstellung des Programms mitgewirkt haben. Die Betreuungskapazität liegt bei 70 Jugendlichen. Beteiligt sind unter kommunaler Koordinierung Fachkräfte von drei freien Trägern: das Magische Projekt e.V., Kolping Bildungswerk e.V. und Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi) gGmbH. Vorrangig werden Jugendliche der Stadtgebiete Stockerhut, Altstadt/Scheibe/Bahnhof/ Moosbürg und Lerchenfeld betreut. Unterstützung leistet Romy Werner vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben.
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