Krimiautor Robert Hültner weist in acht bayerischen Fällen den Hintergrund für Mord und ...
Geschwüre gesellschaftlicher Grundkonflikte

Politische, wirtschaftliche und kulturelle Umwälzungen bleiben nicht ohne Folgen für die Mitglieder der Gesellschaft. Sie spiegeln sich wider im Verhalten der Menschen, koppeln sich an Charakterprofile, Familienschicksale, beeinflussen Entscheidungen. Dies gilt auch und gerade für menschliches Fehlverhalten, für Verbrechen. Der mehrfach ausgezeichnete Krimiautor Robert Hültner ist diesem Phänomen nachgegangen und versucht in seinem neuen Buch "Tödliches Bayern" diese Verbindungen nachzuweisen. Am Donnerstag stellte er sich in der Buchhandlung Stangl in Weiden seinen Lesern. Dabei stellte sich auch heraus, dass die kriminelle Wirklichkeit auch im Freistaat jede noch so gute Fall-Konstruktion übertrifft.

Quer durch den Freistaat

Denn die acht Fälle, die Hültner erzählt, hat es wirklich gegeben. Ihre Spur führt über zwei Jahrhunderte quer durch den Freistaat, nach Niederbayern zuerst, wo zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Dorfpriester sein lasterhaftes Leben mit einem Mord verschleiern will. Dabei gelingt es ihm wenigstens zeitweise, die ermittelnden Behörden lahm zu legen. Die einzige Zeugin kann er freilich nicht ruhigstellen. Ein weiterer Fall beschäftigt sich mit dem Mord an einer jungen Frau in der Münchner Maxvorstadt 1867.

Keine Handhabe

Die Behörden haben es hier mit überraschenden Geständnissen und Widerrufen zu tun. 1920 muss ein Dienstmädchen im Forstenrieder Wald sterben weil es glaubt, von einem illegalen Waffenlager rechter Wehrverbände berichten zu müssen. Der jüngste Fall, den Hültner aufgreift, ist der eines Mannes, der 2004 über Monate Politiker mit Briefbomben terrorisiert ohne dass Polizei und Staatsschutz zunächst die geringste Handhabe hatten.

Es geht in diesem Fällen immer auch darum, wie das politische und gesellschaftliche Umfeld, Täter und Ermittlungsbehörden beeinflussen, Motive ausleuchten. Hültner kann die Wurzeln sozialer Verwicklungen freilegen, den Nachweis führen, dass defizitäre Frühentwicklungen, Familiengeschichten, aber auch kriminelle Potenz die schlimmsten Dinge zur Folge haben. Und bisweilen sieht es so aus, als sei das Verbrechen nichts anderes als die logische Konsequenz aller Ereignisse, die dazu geführt haben.

Den Fall des 22-jährigen Charly stellt Hültner in den kompletten zeitlichen Kontext eines durchschnittlichen Zeitungslesers. Diese Geschichte will Hültner an diesem Abend den Zuhörern ganz erzählen, sie mit hineinnehmen in das Jahr 1962, als der 22-jährige Don Juan aus dem Dorf zum Mörder wird. Das gelingt ihm mit ein paar Sätzen, einer Aufzählung von Ereignissen, die den meisten noch im Gedächtnis sind: Marilyn Monroe stirbt in diesem Jahr, die DDR führt die Wehrpflicht ein, Vera Brühne geht für einen Doppelmord ins Gefängnis, der FC Bayern kickt noch in der Oberliga Süd. Und Charly, der seine Frau und sein Kind getötet hat, nennt als Motiv für seine Tat: "Ich wollt bloß frei sein."

Hültner lässt nichts aus, liefert ein Porträt des Richters, der als junger Mann in nationalsozialistischen Nürnberg im Reichsgericht saß. Er beschreibt die Riege der sogenannten Wohlanständigen, die Charly am liebsten hängen sähen, weil er eine Schande für Stadt, Kreis und Region ist. Der Autor liefert in der Beschreibung des Falles, in der Hinführung zum Motiv dieses Mordes das komplette Psychogramm einer Nachkriegsgesellschaft, die in wenigen Jahren in der Universitätsstädten herausgefordert werden wird.

Brutaler Polizeieinsatz

Danach wird nichts mehr wie vorher sein. Einen Anteil daran wird ein junger Mann namens Andreas Baader haben, der 1962 in Schwabing gegen einen brutalen Polizeieinsatz protestiert. Ein Kriminalfall als Spiegelbild, als plötzlich aufgebrochenes Geschwür einer Gesellschaft, die das, was sie da gerade bekämpft. selbst produziert hat.

Acht Fälle, stellvertretend für zweihundert Jahre Bayern, von den nachnapoleonischen Reformern bis zur Gegenwart: "Eine liebe Zeit - in Bayern scho glei gar" wie Georg Lohmeier in seinem "Königlich Bayerischen Amtsgericht" bierselig meint, bevor sozusagen zwischen zwei Halben Recht gesprochen wird, war es mit Sicherheit nicht.
Weitere Beiträge zu den Themen: FC Bayern (6871)Oktober 2014 (9309)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.