Lernentwicklungsgespräche ersetzen an immer mehr Schulen Zwischenzeugnisse - auch in Weiden
Der "Giftzettel" stirbt aus

So groß wie bei Vanessa und Louis kann die Freude über Zwischenzeugnisse sein. 2009 besuchten sie die 3. Klasse der Gerhardingerschule. Dort gibt es auch am Freitag die traditionellen "Giftzettel" für die Klassen 1 bis 3. Anderswo in der Stadt werden "Dokumentationsbögen des Lernentwicklungsgesprächs" in Klarsichthüllen gepackt. (Bild: Wilck)

Am Freitag gibt es Zwischenzeugnisse - oder auch nicht. Denn immer mehr Weidener Grundschulen ersetzen den "Giftzettel" durch halbstündige Lernentwicklungsgespräche. Das ist seit diesem Schuljahr bayernweit möglich. Aber ist es auch sinnvoll?

Es war einmal ein Zwischenzeugnis - und Großeltern, die jede Eins darin mit Geld belohnten. Genau daran erinnerte ein Vater im Elternbeirat der Clausnitzerschule, als das Gremium darüber diskutierte, ob die "Giftzettel" an der Schule in Weiden-Ost in den ersten bis dritten Klassen durch Lernentwicklungsgespräche ersetzt werden sollen. Gleich vorweg: Der Elternbeirat stimmte der Neuerung zu, erklärt Schulleiterin Silvia Bäumler. Augenzwinkernd ergänzt die Rektorin: "Allerdings braucht es nun ein alternatives Belohnungssystem."

Lernentwicklungsgespräche sind in Flex-Klassen (hier wird jahrgangsübergreifend gelehrt) wie an der Clausnitzer- und der Albert-Schweitzer-Schule längst Standard. Seit diesem Schuljahr steht es den Grundschulen frei, sie in allen ersten bis dritten Klassen anstelle von Zwischenzeugnissen zu etablieren. Über den genauen Ablauf eines solchen halbstündigen Gesprächs muss sich jede Einrichtung selbst Gedanken machen. Wichtig ist für Bäumler: "Das Gespräch ist frei von Noten gehalten und es werden die Eltern und das Kind eingeladen."

Der Vater einer Siebenjährigen staunt noch zwei Wochen nach dem Gespräch. Daheim habe seine Tochter fleißig den Fragebogen ausgefüllt: "Du beteiligst dich aktiv am Unterricht." Oder: "Du erzählst der Reihe nach." - Antwortmöglichkeiten: Fast immer, oft, teilweise, noch zu wenig.

Sich selbst einschätzen

Auch die Lehrer arbeiten sich durch solch einen Fragebogen zu Lern-, Methoden- und Sozialkompetenzen. Im gemeinsamen Gespräch werden die Antworten abgeglichen. "Es ist interessant, inwiefern sich Selbst- und Fremdbild unterscheiden", sagt der Vater.

"Die Mehrheit schätzte sich selbst überraschend gut ein", hat Rektorin Bäumler erfahren. Wobei es natürlich auch Aufschneider gebe, die sich gnadenlos überschätzten. Oder schüchterne Schüler, die sich grundsätzlich unterschätzten. "Insgesamt sind die Unterrichtseinheiten bei uns im Fragebogen sehr kleinschrittig aufgelistet und sie werden abgefragt", erklärt Bäumler. Zum Beispiel: "Du löst Plusaufgaben sicher: stimmt, stimmt meist, stimmt weniger, stimmt nicht." Am Ende wird eine Zielvereinbarung geschlossen. Im Fall der zurückhaltenden Siebenjährigen vermerkten Eltern und Lehrer, sie müsse sich künftig an einem Unterrichtstag zehn Mal melden. "Hat ein Schüler eine Leseschwäche, liest er daheim täglich fünf Minuten vor. Dafür gibt es einen Smiley", führt Bäumler eine andere mögliche Zielvereinbarung an. Nach Ostern erfolge die Zielkontrolle - wieder gemeinsam mit Eltern und Schüler.

"Das läuft ab wie in der freien Wirtschaft", bilanziert der Vater. Er ist von Beruf Geschäftsführer. Sehr schwer falle es vielen Erwachsenen, sich und ihre Arbeit treffend zu beurteilen, weiß er aus eigener Erfahrung. Insofern würden nun bereits die Grundschüler wertvolle Kompetenzen erwerben. Aber fit für die Wirtschaft mit sechs oder sieben Jahren? "Ich finde das gut. Aber ob sich's bewährt, wird sich erst Jahre später zeigen", meint der Vater.

"Wir werden dabei bleiben", erklärt die Rektorin der Clausnitzerschule. Das will auch das Kollegium - obwohl die Gespräche, besonders jetzt im ersten Jahr, einen großen Mehraufwand bedeuten. "Aber ein Zwischenzeugnis zu schreiben, dauert auch eine Stunde. Und am Ende sagen dem Kind die Textbausteine gar nichts und den Eltern oft auch nicht viel", argumentiert Bäumler.

Warten auf Eltern-Reaktion

Ein persönliches Gespräch sei von ganz anderer Qualität. Das fanden übrigens auch die Eltern: "Die ersten, spontanen Reaktionen waren durchwegs positiv", erinnert sich Bäumler. Wie es um das Urteil der Eltern Wochen danach aussieht, will die Schule dennoch abklopfen: "Gerade arbeiten wir an einem Evaluationsbogen, der an die Eltern gehen soll." So ganz passé sind Bewertungen also nicht.
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